Ipsen: „Die Region in ihrer
Gesamtheit wahrnehmbar machen“

Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 4. Januar 2001

Die Politik ist nach Einschätzung des Stadt- und Regionalsoziologen Prof. Detlev Ipsen nicht ausreichend auf den Prozess der Regionalisierung in Deutschland vorbereitet. Die eigentlichen Probleme, die perspektivische Planung, sei in den Stadtregionen nicht geregelt. Ipsen, der an der Gesamthochschule Kassel lehrt, plädiert für die „Offene Stadt“, in der es Symbole und Orte gibt, zu denen sich alle, unabhängig von Geschlecht, Alter, Religion und Herkunft, bekennen können. Um solche Orte und Symbole zu schaffen, seien Projekte wie die Internationale Bauausstellung Emscher Park oder die vorgeschlagene Landschafts- und Strukturausstellung „Regionale“ geeignete Mittel. „Region wird nicht nur über das Kalkül, über das Vernünftige sich konstituieren können, sondern darüber, dass man sie wirklich wahrnimmt“, sagt Ipsen. Mit dem Professor sprach FR-Redakteur Jürgen Schultheis. Ein Gespräch über die Offene Stadt und die Landschafts- und Strukturausstellung „Regionale”.

Ist das inzwischen häufig gebrauchte Wort „Region” eine Erfindung von Marketingexperten für die Standortwerbung oder hat „Region” darüber hinaus einen substanziellen Kern, Herr Professor Ipsen?

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Detlef Ipsen, Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an die Universität Kassel.
(Bild: Uwe Zucchi)

Region ist ein Thema, das immer wieder kommt. Einer der berühmtesten amerikanischen Stadtplaner und -theoretiker, Lewis Mumford, hat sich in den 20er Jahren Gedanken gemacht, wie ökologische Probleme geregelt werden können und ein Buch mit dem Titel „The Ecological Region” herausgegeben, weil er meinte, nur dort, auf der regionalen Ebene, können die Umweltprobleme gelöst werden. Natürlich ist das auch etwas sehr Aktuelles und das hängt damit zusammen, dass die Siedlungen, die Klein- und Vorstädte, die ehemaligen Dörfer, in vielen Bereichen so zusammenwachsen, dass es unübersehbar eine neue Einheit ergibt.

Wie bezeichnen Sie diese neue Einheit, die entstanden ist?

Ich würde sie Stadtregionen nennen, weil es von der Zielrichtung her darauf hinausläuft, in einigen Jahren auch politisch Stadtregionen zu etablieren. Dann wird es beispielsweise eine Stadtregion Frankfurt geben, und die hat mehrere Untereinheiten. Auf der Regionsebene werden dann die integrierenden Bestandteile geregelt wie Verkehr, Gewerbe und Siedlungsentwicklung, auf kommunaler Ebene werden die Fragen von Schulenentwicklung, der Ästhetik des Quartiers und die soziale Infrastruktur von Nachbarschaften geregelt.

Ist die Politik auf diese Entwicklung vorbereitet, die Sie beschreiben?

Nein. Es gibt Versuche, mit Verbänden wie etwa in Hannover aber auch in Frankfurt die wichtigsten Fragen zu klären, wo etwa der Abfall hin- oder Wasser in trinkbarer Form herkommt. Aber die eigentlichen Probleme, die perspektivische Planung, ist nicht geregelt und muss stärker politisch diskutiert werden. Es könnte ja ein Regionalparlament geben, was auch demokratisch legitimiert ist und diese Dinge politisch zusammenfasst.

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Stangenpyramide im Regionalpark FrankfurtRheinMain bei Dreieich-Götzenhain.
(Bild: Regionalpark)

Sie sprechen von perspektivischer Planung. Meinen Sie damit, dass eine Region sich darüber verständigen muss, was sie ist und wo sie hin will?

Unbedingt. Die Zusammenhänge verschiedener Teile der Welt, also vor allem Nordamerika, Europa und Teile Asiens, werden so eng, dass die Erkennbarkeit, wo man sinnvollerweise was macht als Investor oder wo man hinfährt als Tourist, transparent gemacht werden muss. Die Menschen, die in Regionen leben, fühlen sich bislang bestimmten Orten, meist aber nicht der Region zugehörig, obwohl die  Region – etwa über Pendlerbeziehungen  – ja schon längst Tatsache ist.

Wie kann man mit diesem  Problem umgehen? 

Bislang ist in der Stadtentwicklung in Deutschland damit nicht gut umgegangen worden, weil es immer als Alternative dargestellt worden ist. Die nachbarschaftliche, die lokale Identität und die Identitäten, die sich auf einen  größeren Raum beziehen, wurden als Gegensätze empfunden. Da muss man ansetzen und sagen, es ist richtig, gut verankerte, auch demokratisch organisierte kleinere,  kommunale Einheiten zu bilden mit bürgernahen Verwaltungen und viel alltäglicher Demokratie und Selbstorganisation. Gleichzeitig muss man sagen, wir sind aber Teil eines größeren Zusammenhangs und in diesem größeren Zusammenhang haben wir auch eine demokratisch legitimierte Ebene und regeln dort Fragen, die man auf der kleinen Ebene nicht regeln kann. Das ist dann die Region.

Werden die Stadtregionen in zehn bis fünfzehn Jahren die zentralen Elemente in Deutschland und Europa sein? 

Das werden sie werden, und die Bildung von Stadtregionen wird dazu beitragen, dass es ländlichere Räume gibt, die sich ebenfalls als Regionen akzentuieren und die in eine Konkurrenz zu den Stadtregionen treten werden, sowohl was die Lebensqualität angeht als auch die Attraktivität für Investoren.

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Stadt- und Metropolregion FrankfurtRheinMain. (Grafik: Skyline Atlas)

In einem Beitrag haben Sie im Blick auf Raumbilder und regionale Identität geschrieben, dass das kühle rationale Konzept in der Regel keine Mobilisierung bewirkt und dass es dafür der Bilder bedürfe, die sich als Vorstellung und Symbol dafür eigneten, utopische Energie zu vermitteln. Welche Bilder sind nötig? Ist das eine Internationale Bauausstellung, wie sie 1999 im Ruhrgebiet zu Ende  gegangen ist? 

Das ist ein Weg, der dort umgesetzt worden ist. Es gibt aber auch andere, kleinere Umsetzungen, die alle auf das gleiche zielen. Region wird nicht nur über das Kalkül, über das Vernünftige sich konstituieren können, sondern darüber, dass man sie wirklich wahrnimmt. So etwas wie der Regionalpark Rhein-Main ist ja der Versuch, an einigen Stellen diesen Raum als Ganzes wahrnehmbar zu machen und dies sowohl im wörtlichen Sinne über die Sicht auf den Raum als auch über Treffpunkte oder über Aktionen. So entstehen Landmarks (Wahrzeichen,  d.Red.), die sagen, hier sind wir in einer bestimmten Region und nicht im Irgendwo. Wenn es dann Diskussionen darüber  gibt, wie sieht eine Landmarke, ein solcher Markstein aus, dann geht es um die Inhalte. Und diese Diskussionen sind das Fruchtbare.

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Der Eisenbaum, ein Aussichtsturm an der Regionalparkroute FrankfurtRheinMain zwischen Hochheim und Flörsheim. Er bietet weite Ausblicke in die Rhein-Main-Region.
(Bild: Shutterstock / PHammer)

Es bedarf also schon der Selbstverständigung in der Region, was man sein will? 

Nicht im statischen Sinne, nicht dass sich einige Leute hinsetzen und sagen, wir erarbeiten das Leitbild und machen dann einen Punkt, sondern mehr im Sinne eines transparenten Diskussionsprozesses. Eine der Städte, die ich immer bewundere, ist Curitiba, eine Millionenstadt im Süden von Brasilien. Dort ist versucht worden, viele Einzelteile zu einem Programm zusammenzubringen. Sie haben darauf hingewiesen, dass sie sich als Teil ihrer natürlichen Umwelt verstehen, indem sie eine neue Stadthalle in den ersten Steinbruch dieser Stadt  hineingebaut haben.

Dieser Steinbruch wächst jetzt mehr und mehr zu und wird wieder Dschungel. Jeder, der da ein Konzert hört oder eine Ausstellung sieht, der ist in diesem Dschungel, der da mal war, bevor es überhaupt die Stadt gegeben hat. Es wurde eine Moschee gebaut, direkt neben die  katholische Kirche, um zu sagen, wir haben viele Muslime hier und wir akzeptieren sie. Oder es wurde gesagt, wir wollen eine Stadt sein, die flexibel und lebendig in Handel und Wandel ist, aber wir wollen nicht überall 24  Stunden geöffnet haben, wie das in einigen nordamerikanischen Städten der Fall ist. Da haben sie eine Straße gemacht, die heißt „Straße der 24 Stunden”, und dort sind die Läden 24 Stunden geöffnet.

In einem Text, in dem Sie den Begriff der „Offenen Stadt” verwenden, gehen Sie davon aus, dass es in Städten und Stadtregionen eine dominante Kultur gibt und nicht dominante Kulturen,   die etwa Einwanderer bilden. Sie schlagen vor, eine Meta-Kultur zu schaffen, zu deren Symbolen sich alle bekennen können, ob sie nun der dominanten Kultur angehören oder nicht. Ist das Ihre vorweggenommene Antwort auf die Leitkultur Merzscher Prägung?  

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Prof Detlef Ipsen.
(Bild: Universität Kassel)

Ich habe das geschrieben, bevor der Begriff der Leitkultur in die Debatte kam. Der Begriff „Offene Stadt“ geht in eine andere Richtung als der Begriff Leitkultur. Die Leitkultur geht ja davon aus, dass die dominante Kultur anleitet und sich andere Kulturen, zumindest schrittweise, auf sie zu bewegen müssen. Die dominante Kultur, die ich meine, ist eine soziale Realität, sie setzt sich schon von sich aus stark durch, deswegen ist sie ja dominant.

Aber um die verschiedenen Kulturen zusammenzuführen, die durch Zuwanderung als auch in den unterschiedlichen Generationen, Geschlechtern und Schichten entstehen, bedarf es gewisser Bestandteile, die von allen als gemeinsam begriffen werden. Der Central Park in Manhattan ist ein Ort, wo sich die verschiedensten Kulturen in der gleichen Wertschätzung für diesen Park treffen.

Deswegen kann auch der reichste Unternehmer von Manhattan nicht ein Grundstück aus diesem Park herauskaufen, weil alle einig sind und sagen, dort leben wir unsere unterschiedlichen Lebensstile gemeinsam. Die Stadt ist offen für unterschiedliche Kulturen und zugleich über gemeinsame Werte und auch eine gemeinsam getragene Praxis, eben eine Meta-Kultur integriert.

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Detlef Ipsen: „Die sozialräumlichen Bedingungen der offenen Stadt – eine theoretische Skizze“. Download nach dem Klick auf das Bild.

Dieses Konzept der Offenen Stadt oder Stadtregion ist offenbar dort besonders wichtig, wo sehr viele Nationalitäten nebeneinander leben. Muss dieses Konzept möglichst bald in den Stadtregionen realisiert werden?

Ich glaube, das ist eine dringende Aufgabe. Wenn man sich die   Bevölkerungsentwicklung anschaut, dann weiß jeder, dass wir in Deutschland, um den Stand zu halten, jährlich 300.000 bis   400.000 Menschen als Zuwanderer brauchen. Die werden mit anderen kulturellen Vorstellungen zu uns kommen, und wenn wir nicht einen Weg finden, die Vielfalt zuzulassen und zu integrieren, dann wird es bei ganz vielen Dingen große Konflikte und Reibereien geben.

Hängt die Lebensfähigkeit von Stadtregionen künftig davon ab, ob dies gelingt?  

Ja, und man sieht es sehr gut in manchen Stadtregionen, wo das weniger gelingt. Das hat gravierende Folgen. Nehmen wir die neuesten Entwicklungen in Südafrika, wo sich aus den Städten   die weiße Bevölkerung zurückzieht, neue Städte 30 Kilometer außerhalb baut und diese sehr stark kontrolliert. Es geht dann nicht mehr nur darum, dass sich Weiß gegen Schwarz und Gelb   gegen Grün organisiert. Es organisiert sich jeder gegen jeden, um bestimmte Vorteile zu erlangen. Da Desintegration überall möglich ist, muss man sich darauf vorbereiten und fragen, wie werden wir mit verschiedenen Kulturen in den Stadtregionen umgehen.

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Universität Kassel. (Bild: Universität Kassel)

Sind die Stadtregionen als Standorte von Unternehmen dann überhaupt noch attraktiv, sofern das Konzept der Offenen Stadt  oder Stadtregion scheitert?

Das ist der Punkt und das Tragische im genannten Beispiel Südafrika, dass die Investitionen von außerhalb abnehmen. Das ist auch das Problem, das man in manchen Teilregionen Ostdeutschlands hat. Wenn es nicht gelingt, dass jeder dort friedlich seinen Geschäften nachgehen kann und sich wohlfühlt, wird das große negative ökonomische Folgen haben.

Führende Manager großer Unternehmen haben sich in den vergangenen Monaten in der FR für eine Landschafts- und Strukturausstellung unter dem Titel Regionale ausgesprochen, um das Image der Region Frankfurt/ Rhein-Main zu verbessern und Symbole zu schaffen, zu denen sich alle bekennen können. Ist das ein Weg in die Zukunft für diese Region?

Im Prinzip ist das eine vielversprechende Idee, wenn sie von offenen und kreativen Leuten umgesetzt wird. Wenn es dazu führen würde, dass es einen großen Streit darum gibt, ob eine Sache nach Darmstadt und eine nächste proporzmäßig nach XY kommt, dann hat man das Gegenteil erreicht. Das A und O ist, dass man neben dem Geld, um etwas umzusetzen, eine sehr gute Gruppe von Leuten hat, die sich keineswegs nur aus der lokalen Planer- und Architekten-Elite zusammensetzt, sondern gerade auch auf externe Kräfte bauen sollte, die sich in den lokalen Fangstricken nicht so leicht verfangen.

Können mit dem Projekt „Regionale“ solche Bilder geschaffen werden?

Eine Bauaustellung kann Bilder und Realitäten schaffen. Bei der IBA Emscher Park sieht man ja, dass beides gemacht worden ist und beides gehört ja auch zusammen. Es sind wirkliche Parks geschaffen worden, um sich wirklich zu erholen und gleichzeitig sind damit Bilder geschaffen worden, die das Ruhrgebiet neu interpretieren. Man muss sich davor hüten, ein Disneyworld zu bauen. Die Bilder und das, was man Materialität des Lebens nennt, müssen zusammen gehören.

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