Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 25. Oktober 2000
Von Jürgen Schultheis
BONN / FRANKFURT A. M. Die Zeit drängt – da sind sich die Professoren Thomas Sieverts, Walter Siebel und Wolfgang Christ einig. Die Modernisierung des Frankfurter Kreuzes, die beschlossene Erweiterung des Flughafens und die geplante Verlegung des Hauptbahnhofes unter Tage machen es immer leichter, Frankfurt
und das Rhein-Main-Gebiet zu erreichen. „Aber man kann auch immer schneller wieder verschwinden“, sagt Siebel, der an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg Soziologie lehrt und dort Leiter der Arbeitsgruppe Stadtforschung ist. „Die Frage ist, warum soll man in Frankfurt und der Rhein-Main-Region bleiben?“
Rhein-Main – wo es liegt, darüber herrscht unter Politikern und Managern weitgehend Einigkeit, seit das Forum der Industrie- und Handelskammern der Region das
Gebiet zwischen Mainz und Aschaffenburg, Darmstadt und Gießen als Region Rhein-Main abgesteckt hat. Aber was es ist, darüber gibt es keinen Konsens. „Rhein-Main ist ein Begriff, der mit Anschauung gefüllt werden muss“, sagt Christ, Architektur-Professor an der Bauhaus-Universität in Weimar und Autor eines Entwurfes für den Regionalpark Rhein-Main. „Es gibt niemanden, der sich unter Rhein-Main ein Bild vorstellt oder damit ein Gefühl verbindet.“
Der Fachmann bekräftigt eine Forderung seiner Kollegen Sieverts und Siebel, die im Dezember vergangenen Jahres im Zusammenhang mit der Idee für eine Landschafts- und Strukturausstellung „Regionale“ gesagt hatten: „Wir müssen ein Bild von der Region entwickeln.“ Es sei die Aufgabe der Zeit, mehr zu tun, als ICE-Knoten zu bauen und Flughäfen zu erweitern, sagt Christ. „Nur wenn wir ein Bewusstsein von dieser Region als einer ganzen haben, fühlen wir uns auch verantwortlich und können Verantwortung übernehmen für die Entwicklung dieser Region.“
Thomas Sieverts, der in Darmstadt am Fachbereich Architektur gelehrt hat, pflichtet bei: Neben der technisch erstklassigen Aufrüstung und dem historischen Erbe müsse noch etwas hinzukommen. Sieverts spricht von „Lebensqualität“, die in der Region vorhanden sei. Die FR-Serie zur Regionale, in deren Verlauf sich
unter anderem Deutsche Bank-Vorstandssprecher Rolf-E. Breuer geäußert hat, belegt für Sieverts, dass die Lebensqualität ein entscheidendes Standortkriterium für
die Region sei. Und dass diese Qualität kaum bekannt sei, weshalb die Unternehmen nicht selten Mühe haben, Mitarbeiter in die Zentralen nach Frankfurt und in
die Umgebung zu holen.

Frankfurt belegt zwar mit seiner ökonomischen und infrastrukturellen Entwicklung eine führende Position in Europa, erläutert Christ, doch „die urbane Qualität der Region ist demgegenüber vernachlässigt worden“. Christ fordert, die städtebaulichen und landschaftlichen Qualitäten, die großen Freiräume, die von innen nach außen verlaufen, stärker zu vernetzen und die historischen Wurzeln der Region für die nachindustrielle Gesellschaft zu erschließen.
Solche „prägenden Strukturen“ – etwa alte römische Verkehrswege wie der Übergang, wo heute die Theodor-Heuss-Brücke zwischen Wiesbaden und Mainz steht – seien bislang eher verschüttet und könnten in das System des Regionalparks Rhein-Main integriert und zu neuem Leben erweckt werden. „Kulturgeschichte und die Bedürfnisse des Internetzeitalters, das ist der Stoff, aus dem man eine zeitgemäße Region entwickeln kann.“
Dabei beginnt die Geschichte des Rhein-Main-Gebietes als ganzer Region erst mit der Tertiärisierung, dem Wandel der Wirtschaft von der Produktion zur Dienstleistung. „Damit hat Frankfurt alle anderen Städte in der Region überstrahlt, was vorher nicht der Fall war“, betont Sieverts. „Die vergangenen 100 Jahre waren nur das Vorspiel, in diesem Sinne hat die Region ihre Zukunft noch vor sich und die Geschichte beginnt erst.“
Bislang aber sehen alle drei Professoren „wenig Akteure, die sich Gedanken machen über die Lebens- und Aufenthaltsqualität in der Region“, sagt Christ stellvertretend
für das Trio. „Es hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die Addition kleiner, kommunaler Entscheidungen nicht ausreicht, um eine solche Region als Ganze zu entwickeln, was aber notwendig ist, wenn sie von außen als ganze Region wahrgenommen werden will.“
Dabei geht es für Siebel auch um die wirtschaftliche Zukunft der Region. Auf Dauer werde es immer schwieriger sein, hoch qualifizierte Arbeitskräfte für Jobs im
Rhein-Main-Gebiet anzuwerben“, wenn es nicht gelingt, die Lebens- und Aufenthaltsqualität zu steigern. Misslingt das, „kann das langfristig auch die Wirtschaftskraft
in Frage stellen“. Die Zeit drängt, sagt Siebel.
