Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 14. Januar 2001
Von Jürgen Schultheis
Die Region Rhein-Main ist ein Wirtschaftsriese und ein Imagezwerg: Es ist diese Unverhältnismäßigkeit, die zusammen mit der fehlenden gemeinsamen territorialen Geschichte und der politischen Zersplitterung die Problemlage schafft, mit der sich die zahlreichen Verantwortlichen in der Region zwischen Bingen/Mainz und Aschaffenburg bislang so schwer tun.
Während andernorts – etwa in Frankreich und Italien – der Grad der politischen Organisation von Regionen wächst oder die Kernstädte von Metropolregionen sich zu Publikumsmagneten
entwickelt haben – etwa die Bundeshauptstadt Berlin –, behauptet die Region Frankfurt/Rhein-Main ihre wirtschaftliche Position, ohne dabei als Lebensort in der öffentlichen
und veröffentlichten Meinung an Attraktivität zu gewinnen. Darin liegt das Problem.
FrankfurtRheinMain: ein Region mit mäßigem Image
Angesichts der Bevölkerungsentwicklung und der bald starken Konkurrenz um junge, qualifizierte Arbeitskräfte könnte die Region im Wettbewerb mit anderen Standorten alsbald ins Hintertreffen geraten, sofern es nicht gelingt, das zumindest mäßige, manchmal schlechte Image der Region aufzubessern oder gar ein neues Bild der Region zu prägen.
Zur Region gehören neben dem Regierungsbezirk Darmstadt – 7445 Quadratkilometer Fläche mit 3,7 Millionen Einwohnern – die Landkreise Mainz-Bingen, Alzey-Worms und die Städte Mainz und Worms auf rheinland-pfälzischer Seite im Westen und die Landkreise Aschaffenburg und Miltenberg mit der Stadt Aschaffenburg auf der bayerischen Seite im Osten. Im Nordwesten der Region zählt der Landkreis Limburg-Weilburg mit der Stadt Limburg dazu, obgleich Kreis und Stadt auf der politischen Landkarte zum Regierungsbezirk Gießen gehören.
In dieser „Region Rhein-Main“, wie sie vom IHK-Forum Rhein-Main Anfang der 90er Jahre abgesteckt worden ist, leben auf 11.062 Quadratkilometer Fläche etwa 4,8 Millionen Menschen.

Dieses Gebiet ist politisch in 15 Kreise mit 408 Städten und Gemeinden, darunter sieben kreisfreie Städte, gegliedert. Nach Angaben des Umlandverbandes Frankfurt (UVF) erwirtschafteten die Beschäftigten in der Region ein Bruttoinlandsprodukt von knapp 280 Milliarden Mark. Das sind etwa 8,5 Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung (1996) auf 3,1 Prozent der Fläche der Bundesrepublik.
Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf büßt
die Region FrankfurtRheinMain in Europa Plätze ein
Europaweit liegt die Region auf einem Spitzenplatz, wenngleich Frankfurt/Rhein in den vergangenen Jahren von Platz drei auf Platz 5 gefallen ist. Als räumliche Einheit hat das Statistische Amt der EU dabei die so genannte NutsII-Ebene genommen, die in Deutschland mit den Regierungsbezirken identisch ist und von denen es bundesweit 32 gibt (Anfang 2000 gab es in der Bundesrepublik 440 Kreise und kreisfreie Städte).
Das regionale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf messen die Statistiker dabei in so genannten Kaufkraftstandards (KKS), um die europaweite Vergleichbarkeit der Daten zu gewährleisten.
Dabei wird der Durchschnittswert der 15 EU-Mitglieder mit 100 festgesetzt. In der jüngsten Statistik (Februar 2000) rangierte die Region Frankfurt/Rhein-Main – in der Tabelle mit dem
Namen Darmstadt wegen des Sitzes des Regierungspräsidiums bezeichnet – auf Platz 5 mit einem Wert von 167.
Platz 1 belegte Inner London (229), gefolgt vom Stadtstaat Hamburg (198), Luxemburg (172), und Brüssel (170). Nach Frankfurt/Rhein-Main plazierten sich Wien (166), der Regierungsbezirk Oberbayern mit München als Zentrum (165), die Ile de France mit Paris als Zentrum (156), Bremen (146) und Antwerpen (138).
Schlechte Note bei der Lebensqualität
Die wirtschaftliche gute Position wird bislang durch schlechte Noten bei der Lebensqualität in der Region beeinträchtigt. Bei einer Emnid-Umfrage unter Beschäftigten in Deutschland im Auftrag der „Financial Times Deutschland” Ende vergangenen Jahres kam heraus, dass Frankfurt hinter Dresden der zweitunbeliebteste Arbeitsplatz in der Bundesrepublik ist. Beim Focus-Städtetest, durchgeführt vom Kölner Institut empirica Delasasse, rangierte Frankfurt hinter den Imageriesen Hamburg und München und Städten wie Stuttgart, Essen, Kassel oder Duisburg auf Rang 17.
Nur bei den Einzelwertungen „Zukunftspotential“ und „Wirtschaftskraft“ lag die Kernstadt Frankfurt auf den vorderen Plätzen. Lediglich bei einer Umfrage des Beratungsunternehmens Arthur Andersen rangierte Frankfurt in der Liste der beliebtesten Wirtschaftsstandorte in Europa auf Platz 2 hinter London. Befragt worden waren allerdings die Führungskräfte in den Unternehmen.

