Meine Damen und Herren,
über die Stadt Frankfurt und die Region, darüber, was sie ist oder sein möchte, über ihre Rolle in Europa und der Welt, wird fast so intensiv gesprochen wie über den Tabellenplatz der Frankfurter Eintracht. Ich möchte deshalb gleich vorweg Entwarnung geben – die Lage scheint auf den ersten Blick nicht so ernst wie die Position in der Bundesliga. „Bey einer so glücklichen Lage und einer so milden Verfassung wird Frankfurt lange noch in ihrem Wohlstande fortblühen. Denn Frankfurt ist die große Kreuz-, Poststraße von Europa und Merkurs geliebter Transito-Mittelpunkt.“ Heinrich Sebastian Hüsgen, Autor, Künstler, Lebemann und Zeitgenosse von Johann Wolfgang von Goethe, hat diese Sätze 1802 in seinem Buch „Getreuer Wegweiser von Frankfurt am Main und dessen Gebiete für Einheimische und Fremde“ geschrieben.

Mein ergänzter Vortrag vor Mitgliedern des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. am 20. November 2014 im Rathaus Rüsselsheim zum Thema „Leitbild für die Metropolregion FrankfurtRheinMain – Blick zurück und nach vorne: Was brauchen wir eigentlich?“

Sie sehen: Wir haben allen Grund anzunehmen, dass alles zum Besten steht. Der geliebte Transito Mittelpunkt Frankfurt, von dem Hüsken geschrieben hat, pulsiert stärker denn je, wenn auch nicht zu jedermanns und jederfraus Freude, weil bei aller Geschäftigkeit an Flughäfen- und Bahnhöfen, an Straßenkreuzungen und Binnenhäfen, mithin an den räumlichen Schnittstellen von Wertschöpfungsketten, die Frankfurt zu dem gemacht haben, was es ist, weil also an diesen Schnittstellen mancherlei Lärm und Schmutz entsteht. Der Wohlstand, der aus dem Transito-Mittelpunkt erwächst, hat auch seine Schattenseiten.
DE-CIX – FrankfurtRheinMain als
Europas neuer Transito-Mittelpunkt
Es gibt freilich eine Ausnahme: Der Datenaustausch am Deutschen Internetknoten (DE-CIX) an der Hanauer Landstraße in Frankfurt am Main, der in der Zeit zwischen 18 und 19 Uhr mit 3,5 Terabit pro Sekunde den weltweit unerreichten Spitzenwert erreicht, geht lautlos vonstatten – auch wenn in Frankfurt für den Betrieb der dafür notwendigen Rechenzentren immerhin 20 Prozent der Energie aufgewendet werden muss, mit der die Stadt in Bewegung bleibt und am Leben gehalten wird.
Nachtrag 2026: Der DE-CIX ist ein Internetknoten-Betreiber mit Hauptsitz in Köln. Das Unternehmen bietet seine Peering-, Cloud- und Interconnection-Services an 60 Standorten in Europa, Afrika, Nord- und Südamerika, dem Nahen Osten, Indien und Südostasien an (Link). Unter dem Dach der DE-CIX Group AG sind alle nationalen und internationalen DE-CIX-Aktivitäten und -Gesellschaften zusammengefasst.[4] Weltweit sind mehr als 250 Mitarbeiter aus über 35 Nationen bei DE-CIX beschäftigt.
Der DE-CIX ist heute – im Jahr 2014 – das unterschätzte Paradepferd des Transito-Mittelpunkts in Frankfurt am Main und der Region, das Aushängeschild für die Drehscheibenfunktion von Stadt und Region schlechthin: Es gibt größere Passagierflughäfen in der Welt, Airports, die mehr Cargo managen, Bahnhöfe, die über weit mehr Gleise verfügen als der Frankfurter Hauptbahnhof, und Autobahnen, auf denen deutlich mehr Verkehr fließt.

Aber es gibt keinen Ort in der Welt, wo – gemessen in bits per second – mehr Daten umgeschlagen werden als in Frankfurt am Main, weshalb die Stadt in der Rangliste vor New York und Hongkong, vor Paris und London, vor Tokio und Shanghai liegt.
Entwarnung also? Es sieht so aus auf den ersten Blick. Wenn heute – im Regelfall – hochmögende Herren zu festlichen Anlässen zumal in Frankfurt beisammen sind, gehört das Loblied auf diese große kleine Stadt, ihre Rolle im Konzert der Großen wie London, New York und Paris, ihre Funktion für Deutschland und Europa zur obligatorischen Selbstvergewisserung eigener Bedeutsamkeit.
Man darf sich also auf die Schultern klopfen. „Wir“ sind wer! Und wer wollte da schon den Spielverderber geben? Müssen wir Herrn Hüsgen und seinen Begriff des Transito-Mittelpunkts angesichts der superben Lage heute noch zitieren? Wir sollten – und müssen es aus aktuellem Anlass! Freilich aus anderem Grund. Denn mit dem Fortblühen im Wohlstande könnte es in ein, zwei Generationen eng werden.
FrankfurtRheinMain – ein Raum ohne Bild und Selbstverständnis
Ich komme zu meinen Argumenten, die ich Ihnen als zufällig anwesende Repräsentanten von Stadt und Region, also von FrankfurtRheinMain, heute zum Jahrestag einer bemerkenswerten Schrift vortragen möchte. Ich trage sie bewusst prononciert vor, nehme Einseitigkeiten in Kauf, beides im Bewusstsein, dass jeder einzelne Aspekt einer ausführlichen Erörterung bedürfte, was aber heute und in diesem Rahmen nicht zu leisten ist.
Ich nenne auch Parteien und Namen, möchte aber daraufhin weisen, dass Region und Land – unabhängig von bestimmten Farben und Personen – gleichermaßen ihre Aufgabe nicht in dem erforderlichen Maße erfüllt haben in den vergangenen Jahren und die Debatten auch innerhalb der jeweiligen Parteien kontrovers geführt worden sind und vermutlich auch weiter geführt werden.
Meine Überlegungen sind entwickelt auf der Grundlage einer brillanten, beinahe zeitlosen Analyse eines Angestellten des Frankfurter Brückenbauamtes und eines liberalen Kommunalpolitikers. Dieser Analyse lag eine fundamentale Überzeugung zugrunde: „Eins aber ist sicher, die Zusammenfassung des rhein-mainischen Gebietes zu einem großen lebensfähigen Organismus, wird eines Tages kommen, weil sie kommen muss.“

Zugegebenermaßen könnten die Sophisten unter Ihnen bemängeln, dass es sich hier um einen klassischen Zirkelschluss handelt. Aber abgesehen davon sind aus dieser Überzeugung weitreichende Infrastrukturentscheidungen für die Stadt getroffen worden, die kaum weniger für die Region von Bedeutung waren und sind und von deren Rendite wir heute immer noch leben – mit allen Vor- und Nachteilen.
Zu diesen Entscheidungen gehören:
- die Verlegung des Flughafens vom Rebstock an den heutigen Standort
- der Bau der kreuzungslosen Autostraße von Hamburg über Frankfurt nach Basel (im Übrigen ein Öffentlich-Privates Projekt)
- der Bau des Waldstadions
- der Bau der Großmarkthalle
- der Bau einer unabhängigen regionalen Gasversorgung
- der Vorschlag zum Bau eines Rhein-Main-Donaukanals
Sie wissen inzwischen, von wem hier die Rede ist: Von August Weitzel, dem Angestellten des Frankfurter Brückenbauamts, der in den 1920er- und 1930er-Jahren die regionalen Planungen für Frankfurt am Main prägte. Er schrieb den „Frankfurter Entwurf zur Reichsreform“ (1931) und legte eine Kartografie zur Neugliederung des damaligen Deutschlands in 12 Großregionen vor.
Ludwig Landmann und der rhein-mainische Städtekranz

Die Rede ist vor allem vom späteren Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, Ludwig Landmann, der 1924 – also vor genau 90 Jahren – eine Broschüre unter dem Titel „Der Rhein-Mainische Städtekranz und seine Zentrale Frankfurt am Main im Südwestdeutschen Wirtschaftsgebiet“ vorgelegt hat. Dass diese Studie, ihr Konzept und ihr Ziel bis heute aktuell sind, spricht für die Autoren und mutmaßlich gegen die ihnen folgenden Generationen. Denn die Aktualität der Studie ist ja zugleich ein Hinweis darauf, dass wir das Ziel immer noch nicht erreicht haben.
Landmanns Idee der wirtschaftlichen Organisation dieses Raumes lag auch die Erkenntnis zugrunde, dass dieser Raum einerseits „von Natur aus so viel verbindende und sammelnde Kraft innewohne wie den Landschaften um den mittleren Rhein und dem unteren Main“, andererseits aber die Sinnsuche nach dem, was denn Rhein-Main historisch sei, was diesem Raum also zugrunde liegen und seine verbindende Kraft sein könnte, damals keine Antwort gegeben werden konnte.
Die Frankfurter Zeitung verlangt
nach den Gefühlswerten gemeinsamer Vergangenheit
Die Frankfurter Zeitung hat daraus 1928 den – aus heutiger Sicht unvermindert zutreffenden Schluss – gezogen, dass der Rhein-Mainische Städtekranz allein nicht auf den kühlen Werten der technischen und wirtschaftlichen Notwendigkeit begründet werden könne. Es bedürfe eben auch den „Gefühlswerten gemeinsamer großer Vergangenheit“ – die seinerzeit offenbar noch zu entdecken waren.
Diese Agenda zieht uns seither in ihren Bann und nimmt uns gleichermaßen in die Pflicht: Die politisch-wirtschaftliche Neuordnung des Rhein-Main-Gebietes und die Fundamentierung dieses Raumes mit Gefühlswerten gemeinsamer Vergangenheit auch jenseits einer verfassten Ordnung.
Der erste Punkt, die Geschichte des Versuchs einer politischen Neuordnung, ist lang und füllt manches Buch, lässt sich aber als ein Prozess des fortlaufenden Scheiterns, allzu oft verbunden mit ausgeprägtem Unwillen und einer falschen Frontstellung von Stadt Frankfurt und Region RheinMain erzählen.
Bis heute erschüttert es ja offenkundig niemanden, dass wir in Zeiten von Globalisierung und Internet immer noch in kommunal- und kreispolitischen Grenzen leben, wirtschaften und denken, die nach Maßgabe des Tagesrittes eines preußischen Landrates des frühen 19. Jahrhunderts gezogen worden sind.

Trotzdem sind alle landespolitischen Initiativen gescheitert – angefangen vom Vorschlag, den der hessischen CDU-Fraktionschef Alfred Dregger 1965 in der Drucksache 1361 (Download) vom 4. Mai gemacht hat, die Verwaltungsebenen in Hessen auf zwei zu reduzieren und räumlich Großkreise zu schaffen, bis hin zum Regionalkreismodell der Landes-SPD oder dem Stadtkreis-Modell der CDU, das zuletzt Frankfurts OB Petra Roth ins Gespräch gebracht hat.
Nichts davon ist je umgesetzt worden oder hatte auch nur die Chance, umgesetzt zu werden. Und als man die Weichen hätte stellen können und alles vorbereitet war, den damaligen Frankfurter OB Rudi Arndt 1977 in Personalunion zum Direktor des Umlandverbandes Frankfurt (UVF) zu küren, scheiterte das Projekt am Wahlsieg der CDU in Frankfurt, die Walter Wallmann zum Oberbürgermeister der Stadt machte.
Wallmann hat zwar in Frankfurt die Weichen für die internationale Öffnung der Stadt gestellt, mit der Region Rhein-Main bekanntermaßen aber wenig am Hut gehabt. Die lange Geschichte dieses Scheiterns regionaler Reforminitiativen hat im Übrigen Jens Scheller, der ehemalige Beigeordnete des UVF-Nachfolgers Planungsverband und heute Geschäftsführer des Hessenparks, in seiner nach wie vor lesenswerten Arbeit „Rhein-Main – Eine Region auf dem Weg zur politischen Existenz“ ausführlich beschrieben.
Eine Zusammenfassung von Jens Scheller in Kooperation mit Christian Langhagen-Rohrbach gibt es unter diesem Link.
Die Oberbürgermeister wollen eine Internationale Bauausstellung
Die zweite Punkt – die Frage der Gefühlswerte als Mittel zur Induzierung eines Gemeinschaftsgefühls FrankfurtRheinMain – wiegt in der Retrospektive und angesichts der ebenso häufigen wie vergeblichen Versuche m.E. weitaus dramatischer, weil mehr als einmal – im Gegensatz zur überfälligen politischen Reform der Regionen – ein Durchbruch hätte erzielt werden können.
Wenn es nicht am Desinteresse – ich meine in diesem Fall den ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeister Andreas von Schoeler (SPD) – oder einem Veto – ich meine den ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch – gegen eine Internationale Bauausstellung (IBA) gescheitert wäre.

Ich darf vor diesem Hintergrund aus einer Analyse von Prof. Joachim Blatter von der Universität Konstanz zitieren (Metropolitan Governance in Deutschland: Normative, utilitaristische, kommunikative und dramaturgische Formen der politischen Steuerung): „Obwohl das Thema regionale Identität in dieser Region seit Beginn der 1990er Jahre auf der Tagesordnung stand, sind alle Versuche, eine solche Identität zu induzieren, gescheitert. Es ist deswegen auch nicht mehr verwunderlich, dass das konzeptuelle Niveau der politischen Diskussion in den letzten Jahren wieder dort angekommen ist, wo es vor einem Jahrhundert war.“
Sie bemerken, dass uns – nicht nur in dieser Region – vor allem zwei Themen bewegen: Das der politischen Organisation und das der Gefühlswerte, wobei wir heute eher von Leitbild, Identität – ein gewiss schwieriger Begriff – oder von harten und weichen Standortfaktoren sprechen, wobei der letzte Punkte nicht das erfassen kann, was er erfassen müsste, weil es hier nicht nur um ökonomische Faktoren geht.
Die lange, bislang erfolglose Debatte über die politische Organisation klammere ich hier zwar aus – ich hatte eben auf die Arbeit von Jens Scheller verwiesen -, möchte aber dennoch einige wenige Punkte nennen. Ich halte die Neustrukturierung der Landkreise und den Aufbau von sogenannten Regionalkreisen oder Metropolregionen aus mehrerlei Gründen für überfällig.
Zum Thema „Region“ gibt es hier einen guten Überblick (Link).
Die spürbare und inzwischen akute Ressourcenknappheit an Zeit und Geld lässt m.E. keine andere Option mehr zu. Warum bauen wir keine regionale Kooperationen für Krankenhäuser auf und bilden dabei Kompetenzzentren? Warum nutzen nicht mehrere Kommunen einen Bauhof? Warum gibt es keine Abstimmung über Schulstandorte und deren Schwerpunktbildung?
Das Potenzial von Kooperationen ist in FrankfurtRheinMain nicht ausgeschöpft
Warum legen wir Vereine nicht zusammen, von denen der eine das Geld und der andere das Projekt hat (Beispiel Route der Industriekultur)? Warum entwickeln wir nicht intensiver gemeinsame Gewerbegebiete? Warum in aller Welt leisten wir uns auf regionaler Ebene und zu unser aller Nachteil eine verheerende Konkurrenz bei den Gewerbesteuerhebesätzen, die am Ende dazu führt, dass sich die Region – nicht die einzelne Kommune – ihrer möglichen Mittel begibt? Warum heben wir nicht gemeinsam weitaus stärker das Potenzial, das im Regionalpark Rhein-Main und dem Grüngürtel steckt? Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Ich möchte jenseits der Frage nach der politischen Organisation aber vor allem über das Thema Leitbild sprechen, die Frage, was dieses lange Zeit politisch zersplitterte Gebilde FrankfurtRheinMain eigentlich ist und darüber, an welchem Thema dieses Leitbild entwickelt werden könnte.
Den Begriff des Leitbildes will ich hier differenzieren: Ich spreche nicht über ein Leitbild, das die Grundlage für einen regionalplanerischen Entwurf bilden muss, ich spreche über ein Leitbild im Sinne eines Bildes, einer allgemein und verständlich kommunizierbaren Vorstellung davon, was FrankfurtRheinMain ist oder sein könnte, ein Leitbild, das gleichermaßen nach innen wie nach außen wirkt und vor allem die Menschen in dieser Metropolregion als Adressaten hat.
Die Bedeutung eines Leitbildes für FrankfurtRheinMain
Im Idealfall ergänzen sich beide Leitbilder, wenngleich sie verschiedene Aufgaben erfüllen. Zunächst aber sollte ich auf die Frage eingehen, warum wir glauben, über ein Leitbild sprechen zu müssen, warum wir ein Leitbild brauchen, und ob es einen Nutzen hat, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Die Stichworte kennen Sie, die ich Ihnen jetzt nenne, und ich nenne sie nicht in der Absicht, Sie damit langweilen zu wollen: Globalisierung, die Vernetzung der Welt, die wachsende Konkurrenz der Standorte, der Wandel der Ökonomie von der fordistischen Massenproduktion hin zu innovationsgetriebenen, flexiblen Produktionen, die damit verbundene Auflösung standardisierter Zeitregime und die Frage, welche Standorte für weltweit oder europäisch orientierte Unternehmen interessant sind.
Es geht in diesem Kontext um Wandel und Erkennbarkeit, um das Aufzeigen von Qualitäten von Regionen, letztlich um die Frage, wie FrankfurtRheinMain im Sinne Hüsgens im Wohlstande fortblühen kann. Es geht bei diesen Fragen nicht darum zu bewerten, wie wir einzelne Trends und Entwicklungen einschätzen.
FrankfurtRheinMain: Zwischen Heimatgefühl und Weltstadtanspruch
Es ist für den Moment ausreichend festzustellen, dass diese Trends und Entwicklungen unseren Alltag nicht unwesentlich bestimmen und darüber entscheiden, wie es um den Wohlstand der nächsten Generationen bestellt ist. Kurzum: Wir müssen über Unternehmen und Beschäftigte, über Wirtschaft und Gesellschaft und über Weltstadt und Heimatgefühl sprechen, wenn wir uns Gedanken über ein Leitbild machen.
Zum Thema „Weltstadt und Heimatgefühl“ gibt es weitere Details in meinem Beitrag in disP – The Planning Review unter dem Titel „Zwischen Heimatgefühl und Weltstadtanspruch – Die Region FrankfurtRheinMain“ (Link)
Und diese Trends und Entwicklungen laufen nicht gänzlich zum Vorteil der Metropolregion! Ich gehöre nicht zu denen, die Statistiken wie Monstranzen vor sich hertragen, um Entwicklungen zu belegen oder in Frage zu stellen. Aber die Berichte des Statistischen Amtes der EU über die Bruttoinlandsproduktion pro Kopf auf der NUTS-2-Ebene – in Deutschland ist das die Ebene der Regierungspräsidien – sollten uns im Blick auf die Metropolregion nachdenklich stimmen.

Ich beobachte seit Ende der 90er Jahre die Entwicklung – und diese Entwicklung verläuft für FrankfurtRheinMain als Wirtschaftsraum im europäischen Vergleich mehr oder minder kontinuierlich moderat bergab: Ende der 1990er Jahre belegte der Bereich des Regierungspräsidiums Darmstadt – also der Kernraum von FrankfurtRheinMain, noch Platz 3, rutschte dann alsbald auf Platz 5 ab. Heute pendelt die Region zwischen Platz 15 und Platz 17. Ein langfristiger Aufwärtstrend ist nicht zu erkennen.
Im Übrigen darf ich ergänzen, dass diese Ergebnisse, soweit ich das beobachten kann, in der öffentlichen Debatte nie ein Thema gewesen sind. Diese Entwicklung mag viele Gründe haben. Einer zählt in jedem Falle dazu: Es fehlt an der Erkennbarkeit und damit an der Wahrnehmbarkeit der Metropolregion in ihrer Gesamtheit, am koordinierten Miteinander mit einem klaren Leitbild, das nicht als Werbebroschüre ausgerufen, sondern als alltägliche Praxis gerade von Menschen in der Region und von Gästen aus dem Ausland erlebt werden kann und den Gefühlswert nutzt, der potenziell in der Region vorhanden ist.
UVF-Direktor Behrendt: Regionalbewusstsein zu erzeugen,
wird allgemein als dringend notwendig betrachtet
Dass wir in dieser Frage lange in der Pflicht sind, hat Ludwig Landmann schon vor 90 Jahren erkannt und der Umlandverband Frankfurt in seinen guten Tagen mit der Reihe „Ansichten zur Region“ Anfang der 90er Jahre dokumentiert. Ich darf aus dem Vorwort des damaligen Verbandsdirektors Rembert Behrendt aus dem Band 1 „Rhein-Main auf dem Weg zum Europa der Regionen“ (1991) zitieren:
„Hauptmotiv für die gewachsene öffentliche Aufmerksamkeit ist die Frage, ob unser Raum auf den europäischen Binnenmarkt, die Folgen der Wiedervereinigung und die Veränderungen in Osteuropa ausreichend vorbereitet und gerüstet ist.“ Es bestehe Einigkeit darüber, dass im Europa der Regionen Rhein-Main Trägerin und Betroffene dieser Entwicklung sei. „Sie ist es und nicht mehr allein eine Stadt wie Frankfurt am Main, die in Konkurrenz zu anderen europäischen Regionen und zu Berlin als neuer Hauptstadt steht…“
Er schrieb auch: „Das Bewusstsein davon, dass es sich hier in Wirklichkeit um gemeinsame Probleme und Aufgaben handelt, das Regionalbewusstsein also, fehlt weitgehend. Es zu erzeugen und zu festigen, wird allgemein als dringend notwendig betrachtet.“
„In der Folge beauftragte der UVF das Emnid-Institut mit einer Image-Studie über die Region, deren Ergebnis im Band 3 der „Ansichten“ 1993 vorgestellt worden ist. Das Institut gab damals mehrere Empfehlungen. Dabei ging es darum, „nach innen und außen die Einheitlichkeit des Raums ins Bewusstsein zu rufen“, um das unterentwickelte Regionalbewusstsein zu fördern.
Umlandverband und Oberbürgermeister wollen eine Internationale Bauausstellung

Mit dem Konzept einer Internationalen Bauausstellung (IBA), wie sie in den 1990er Jahren mit weltweiter Resonanz im Ruhrgebiet unter Leitung von Karl Ganser realisiert worden ist, antwortete der UVF und die Oberbürgermeister in FrankfurtRheinMain auf die Analyse des Emnid-Institutes zum Image der Region.
Ich muss an dieser Stelle betonen, dass das Konzept im Konsens mit allen OBs ausgearbeitet worden war und die Frankfurter Agentur Alexander Demuth bereits eine Werbekampagne für eine IBA entworfen hatte. Zum entscheidenden Schwur ist es damals aber nicht gekommen, weil die Initiative am Desinteresse des damaligen Frankfurter OB von Schoeler (SPD) gescheitert ist.
Die Landschafts- und Strukturausstellung Regionale als IBA
Im Jahr 2000 – Sie sehen mir nun diese kleine Eitelkeit nach – habe ich als FR-Redakteur – inspiriert und ermutigt durch die IBA Emscher Park im Ruhrgebiet – und in Kooperation mit Matthias Send von der IHK Frankfurt am Main einen erneuten Versuch unternommen, eine IBA Rhein-Main unter dem Titel „Landschafts- und Strukturausstellung Regionale“ zu initiieren.
Als Mitstreiter für das Projekt hatte ich damals einige Mitglieder des Direktoriums der IBA Emscher Park gewinnen können, unter ihnen der Stadtplaner Thomas Sieverts (TU Darmstadt und S.K.A.T.-Architekten Bonn), der Stadtsoziologe Walter Siebel (Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg) und der Stadtplaner und Architekt Wolfgang Christ (Bauhaus Universität Weimar).
Die Konstellation war zum damaligen Zeitpunkt einmalig: Die großen Unternehmen der Region waren bereit, das Projekt nicht nur ideell, sondern auch finanziell zu unterstützen, das Engagement der Unternehmen als corporate citizens hätte gelebt werden können. Dennoch ist das Projekt, das kurz nach der Gründungsversammlung Mitte Januar 2001 in der IHK Frankfurt am Main zur Metropolitana umgewidmet und von der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main fortgeführt worden war, wie alle Versuche gescheitert.

In der Folge gab es weitere Studien und Initiativen, etwa den Entwurf von Albert Speer und Partnerunter dem Titel „Frankfurt für alle“, die Olympia-Bewerbung und die „Themenwelten“, die von der Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain in Auftrag gegeben worden sind. Sie alle sind gescheitert oder schlummern in Schubladen, ihre Ergebnisse sind heute häufig wieder vergessen worden, wenn sie denn je im öffentlichen Bewusstsein präsent gewesen sind.
Fatalismus wäre Todsünde, hat der deutsche Philosoph Hans Jonas Ende der 1980er Jahre im Blick auf Umweltverschmutzung und Klimawandel gesagt. Ich will mir deshalb allen Sarkasmus über die Handlungsfähigkeit dieser Region ersparen – auch wenn das nicht leicht fällt.
Wolfgang Christ: FrankfurtRheinMain braucht ein urbanistisches Leitbild
Stattdessen möchte ich aus einem Beitrag zitieren, um den ich Wolfgang Christ für die FR seinerzeit gebeten hatte. Im Blick auf die Kommunen und die Region schrieb Christ damals: „In der Vergangenheit ging es um restriktive und qualitative Werte, um den Schutz vor Modernisierung, etwa durch Ausweisung von Grünzügen, um verwaltungstechnische Optimierung im Wasser- und Abfallsektor, oder um ein kommunalpolitisch austariertes Flächen- und Nutzungsmanagement. Eines stand nicht auf der Agenda: ein urbanistisches Leitbild.“
Dieses urbanistische Leitbild im Sinne eines kommunizierbaren, allgemeinverständlichen Leitbildes fehlt bis heute – trotz vielfältigster und zahlreicher Versuche. Es fehlt an der großen Synthese, schlimmer noch, es fehlt sogar an einem seriösen Versuch, eine solche umfassende und qualitative Synthese mit dem Ziel zu wagen, die Ergebnisse umzusetzen.
Das aber ist die Aufgabe, der wir uns nicht entziehen können, sofern es uns ernst ist mit dem Wohlstande, der fortblühen soll – und es wäre die Aufgabe, dabei die Gefühlswerte nicht außer Acht zu lassen, die Landmann und Weitzel und später die Frankfurter Zeitung beim Thema Rhein-Mainischer Städtekranz Mitte der 1920erJahre des vergangenen Jahrhunderts ins Spiel gebracht haben.
Die Region FrankfurtRheinMain als alltägliche Praxis spürbar machen
Ich will den von mir verlangten Ausblick wagen: Die Arbeit am Leitbild ist notwendiger denn je, nicht weil es uns schon spürbar schlechter ginge – spürten wir es, wäre es ohnehin schon zu spät -, sondern weil andere Metropolregionen innovativer, zum Teil origineller sind und ein deutlich höheres Tempo vorgeben, mit einem Wort ihre Attraktion im weitesten Sinne erhöhen.
Ich sehe die Aufgabe deshalb auch aus der europäischen Perspektive, ein anderer Blickwinkel scheint mir längst unhaltbar geworden zu sein. Wenn sich FrankfurtRheinMain als erkennbare und erkannte Metropolregion bilden will, als Raum mit Gefühlswerten, die den bislang behaupteten Zusammenhang in der alltäglichen Praxis spürbarwerden lassen, dann liegt das Potenzial und die Chance für FrankfurtRheinMain in ihrer Stadtlandschaft und im Bild und Begriff einer neuen Metropole.
Genauer gesagt: im Bild und der Vorstellung einer Millionen-Stadt, die die Metropolregion FrankfurtRheinMain mit ihren Stadtteilen Wiesbaden und Rüsselsheim, Offenbach und Darmstadt, Hanau und Bad Homburg und wie sie alle heißen, bildet. Eine lebenswerte, vielfältige 5,5 Millionen-Menschen-Stadt, die seriös von sich behaupten darf, in ihrer Gestalt als einer Einheit in Vielfalt, als Raum mit historisch aufgeladenen, in ihrer Tradition so faszinierend unterschiedlichen Städten in der Welt ohne Beispiel zu sein.
FrankfurtRheinMain als große Stadt der gegliederten Freiräume und historischer Zentren
Es wäre eine Stadt der gegliederten Freiräume inmitten zahlreicher „Stadtteile“, deren Freiräume der Erholung dienen, deren Ökologie geschützt wird, wo Klimaschutz ernst genommen und die Nahrungsmittelproduktion erhalten wird. Eine Millionen-Stadt der kurzen Wege, eine nachhaltige Stadt auch, die zum Ende des Jahrhunderts treibhausgasneutral und in ihrer Energieversorgung nahezu autark sein könnte.
Ihr zentrales Element ist der im Vergleich zu klassischen Metropolen prägende Freiraum als bindendes, unverwechselbares Medium, in dem unsere Wohnbezirke vermittelt werden. Dieser Freiraum als struktureller Kitt ihrer Polyzentralität bildet das einmalige Moment dieses neuen Typus der metropolregionalen Großstadt.
Ihn zu gestalten und als bindendes wie verbindendes Element dieses neuen Stadttypus zu erschließen und zu inszenieren, könnte FrankfurtRheinMain sowohl nach innen wie nach außen wahrnehmbarer und sinnlich erfahrbarer machen – und die Gefühlswerte erzeugen, die notwendig sind, um distinkt sein zu können.
Es wäre ein Ziel, das den Menschen in der Region und denen draußen diente und – als Nebeneffekt – auch die Wettbewerbsfähigkeit der Metropolregion steigern könnte, weil sie dann nicht mehr nur als „Produktionsort“ im weitesten Sinne verstanden und verkannt wird.
Das hieße aber, die alte Figur von Zentrum und Peripherie neu zu denken, die Einzelinteressen der Kommunen zum Wohle des Ganzen zu vermitteln und die Kraft und vor allem den Willen zu haben, neue Wege zu gehen.
Meine Damen und Herren, die Kommunikation über das Internet, die Globalisierung und die damit verbundene Beschleunigung unseres Alltages drohen diesen Raum aufzulösen. Wir leben zunehmend in virtuellen Welten, in denen der Bezug zur Umwelt, zum Ort verloren zu gehen droht.
Den Raum mit diesem neuen metropolregionalen Stadttypus aufzuwerten, zu bewahren und als Integrator von bebauter und unbebauter Fläche zu nutzen, wäre auch deshalb eine lohnenswerte Aufgabe, weil die Inszenierung und Aufladung des Raumes mit Gefühlswerten die Bindung an die Orte erhöht und damit Identifikation schaffen kann.
Es wäre die Synthese aus Freiraum und Stadt im regionalen Maßstab, ein neu definiertes Verhältnis von Innen und Außen, von bebauter und unbebauter Welt, von einem Miteinander in der Einheit der Vielfalt, aus dem ein überzeugendes und attraktives Bildentstehen könnte.
Das additive Nebeneinanderstellen von Images und Fakten schafft kein konsistentes Bild
Darin liegt im Übrigen die größte Schwäche aller bislang gescheiterten Konzepte, der Metropolregion ein Bild zu geben: Das additive Nebeneinanderstellen von Bildern und Fakten, das Aufzählen bestimmter Eigenschaften dieser Region, mit der Einmaligkeit behauptet und Bedeutung manchmal auch herbeigeredet werden sollen, schafft kein überzeugendes Gesamtbild, sondern nur ein Sammelsurium einzelner Elemente.
Man mag darin vielleicht gerne stöbern, vielleicht sogar etwas finden, zum Bleiben, zum Aneignen aber wird es nicht anregen. Meine Damen und Herren, wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen, und wer die Vergangenheit ignoriert, befreit sich nicht von ihr.
Wir sollten diese Vergangenheit, die in der Metropolregion FrankfurtRheinMain – abgesehen von Einzelerfolgen – in der Frage des regionalen Bewusstseins vor allem eine Geschichte des Scheiterns ist, endlich hinter uns lassen. Deshalb müssen wir uns an Ludwig Landmann erinnern und ihn ernster denn je nehmen. Sein Entwurf muss für uns ein Pflichtprogramm sein.
Dann wird auch bei einer so glücklichen Lage und einer so milden Verfassung nicht nur Frankfurt, sondern die gesamte Metropolregion und eines Tages die metropolregionale Stadt neuen Typus´ lange noch in ihrem Wohlstande fortblühen.
Der Text als Download: Vortrag_Leitbild_Metropolregion_FrankfurtRheinMain
