Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 25. November 2000
Von Jürgen Schultheis
Die Region Frankfurt Rhein-Main stellt die eigenen Stärken bislang unter den Scheffel, sagt die Geschäftsführerin der Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain, Bärbel Schänker. Die Landschafts- und Strukturausstellung „Regionale“ sei ein Weg, dieses Image zu verbessern.
FRANKFURT A . M. „Virtuell“ nennt Bärbel Schänker die Region Rhein-Main, und vermutlich gibt es für das Problem dieses Gebietes keinen treffenderen Begriff: „Nach der Möglichkeit vorhanden“, wie es das Wort in seinem lateinisch-französischen Ursprung vermitteln will, ist diese Region, die als topografische Tatsache zwischen Mainz und Aschaffenburg in jedem handlichen Atlas entdeckt werden kann. Real im Sinne eines in den Köpfen Anerkannten und deshalb tatsächlich Vorhandenen ist die Region deshalb nicht – daran ändert auch die bei Institutionen und Verbänden anerkannte Definition des IHK-Forums Rhein-Main nichts.

Danach zählen zur Region neben den Städten und Gemeinden des Regierungsbezirks Darmstadt auch die Kommunen in den Kreisen Limburg-Weilburg, Mainz-Bingen, Alzey-Worms, die Städte Mainz und Worms, Aschaffenburg und die Kreise Miltenberg und Aschaffenburg im Osten. Ein Gebiet von hoher Attraktivität und wirtschaftlicher Potenz, 11.061 Quadratkilometer groß mit 4,8 Millionen Einwohnern.
„Der Flickerlteppich der vergangenen Jahrhunderte“, von der die Geschäftsführerin der Wirtschaftsinitiative Frankfurt Rhein-Main spricht, „ist in den Köpfen bewahrt worden“. Kommunaler Separatismus, unter dem Stichwort der grundgesetzlich garantierten Selbstverwaltung freundlich kaschiert, hat die Entwicklung der Region behindert. Rhein-Main, sagt Bärbel Schänker, „war früher nur ein geographisch benennbares Gebiet, das aber keine Identifikation der Menschen und Unternehmen mit der Region beinhaltet hat. Das nenne ich virtuell.“
Das ist zum Teil Geschichte, davon ist Bärbel Schänker überzeugt. „Es hat sich was getan in den vergangenen drei Jahren, seitdem ich hier bin“, sagt die Geschäftsführerin einer Initiative, die im Mai 1996 gegründet worden ist und der mehr als 140 Unternehmen angehören. Der Beitritt von Aschaffenburg und Miltenberg zur Wirtschaftsförderung FrankfurtRheinMain, ein Verein, in dem vor allem Gebietskörperschaften organisiert sind, ist für sie ein Signal. „Da sage ich, hier geht ja offenbar eine Revolution vor sich, da ist etwas im Gange, was wir bisher unterschätzt haben.“
Das fehlende Motto, das zuweilen falsche Image der Region in der Welt, erschwert es den Unternehmen nach Einschätzung Schänkers, Führungskräfte in das Gebiet zwischen Mainz und Aschaffenburg zu holen. „Wer eine Alternative hat, in der Welt einen Job zu finden, warum soll der ins Rhein-Main-Gebiet gehen“, sagt die Geschäftsführerin aus der Perspektive des hoch qualifizierten Job-Suchenden. „Das wird oft mit dem legeren Ausspruch begründet ,Da ist doch nix los‘.“ Dass dem nicht so ist, weiß die gebürtige Frankfurterin aus eigener Erfahrung – und bestätigt damit jene, die das Rhein-Main-Gebiet kennen gelernt haben.
„Was wir zu bieten haben, halten wir ein bisschen unter dem Scheffel“, ist Schänker überzeugt. Die Stärken der Region seien häufig nicht bekannt und das ist für die Geschäftsführerin „ganz stark ein Kommunikationsproblem“. Wo und wie stelle sich die Region nach außen dar, fragt die Geschäftsführerin und kennt die Antwort: „Wir haben kein Medium, mit dem wir die Region darstellen.“
Deshalb will die Wirtschaftsinitiative einen erneuten Anlauf nehmen und im nächsten Jahr eine Info-Broschüre und einen Infofilm produzieren. Dass eine Landschafts- und Strukturausstellung „Regionale“, wie sie Experten seit einiger Zeit für die Region Rhein-Main vorschlagen, ein Faktor sein könnte, um das Image zu verbessern, davon ist Schänker überzeugt. „Ja, ganz unbedingt, wegen ihrer Vielfalt und Heterogenität braucht die Region ein Projekt, unter dem man sich zusammenfinden kann und von dem auch jeder etwas hat. Ich kenne niemanden, dem bislang was Gescheiteres eingefallen wäre, und ich sehe nicht, dass irgendetwas anderes bleibt.“ Das Image des Finanz- und Dienstleistungszentrums müsse ergänzt werden.
Immerhin würden 25 Prozent der Wertschöpfung der Region vom produzierenden Gewerbe erwirtschaftet. Die Vorschläge, die zur Regionale von führenden Managern,
Architekten und Soziologen gemacht worden seien, müssten präzisiert werden.
