Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 13. Januar 2001
FRANKFURT A. M. In der Welt der Beharrung muss der gute Gedanke so lange wiederkehren, bis aus ihm die Tat geboren wird. Das Projekt Internationale Bauausstellung (IBA) steht deshalb wieder auf der Tagesordnung der Rhein-Main-Region – zum zweiten Mal nach 1993. Geändert hat sich der Name – heute heißt die IBA Landschafts- und Strukturausstellung „Regionale“ – das Ziel ist geblieben: ein Bewusstsein für die Region zu schaffen, ihr Image zu verbessern und das Gebiet zwischen Bingen und Aschaffenburg in der Konkurrenz der Metropolregionen stärker zu profilieren.
IBA Rhein-Main: „Wir brauchen eine große Idee“

„Wir brauchen eine große Idee, eine große Anstrengung, und was mir dazu einfällt, ist eine Internationale Bauausstellung“, sagt Wolfgang Küsters (Bild), Geschäftsführer der Frankfurter PR-Agentur Citigate Demuth siebeneinhalb Jahre nach der ersten Präsentation des Strategischen Kommunikationskonzeptes für die Region Rhein-Main. Damals hatten die Profiwerber – noch unter dem Namen Agentur Alexander Demuth – neben Elementen der klassischen Werbekampange das Projekt einer Internationalen Bauausstellung für die Region-Rhein-Main vorgeschlagen.
„IBA Rhein-Main 2005“ steht unter Kapitel 10 („Die sinnstiftende Aufgabe“) des Kommunikationskonzeptes. Da schlagen die kreativen Köpfe vor, gemeinsame Lösungen für das Thema „Wohnen und Arbeiten in einer polyzentrischen Region“ zu suchen. Architekten, Stadtplaner und Politiker in aller Welt sollten Impulse für das Projekt geben und die Region Rhein-Main durch wegweisende Konzepte präsentiert werden „als Vorreiter für Problemlösungen der Metropolen/Regionen“. Das Ziel sei, neue Formen regionaler Kooperation zu entwickeln, eine hohe Publizität im In- und Ausland zu schaffen und das Regionalbewusstsein zu fördern.

Unter der Überschrift „Themen der Region mit Tradition und Zukunft“ nennen die Profiwerber von Demuth etwa die Bautradition, wobei Mainz für das Mittelalter, Darmstadt für den Jugendstil, Wiesbaden für die Gründerzeit und Frankfurt für die Hochhäuser stehen sollten.
Zugleich empfahlen die Frankfurter PR-Leute, die Vielfalt der verschiedenen Siedlungsformen in der Region darzustellen und die damals – und heute – aktuellen Diskussionen über Landschaftsschutz, die Rückkehr des Urbanen und Wohnen am Fluss voranzubringen. Um das Projekt zu realisieren, sollte zunächst eine Arbeitsgruppe IBA Rhein-Main 2005 und in einem zweiten Schritt eine Projektgesellschaft gegründet werden.
Oberbürgermeister der Region
unterstützen eine IBA Rhein-Main
Das Werbe- und Projektkonzept war damals als Folge der Emnid-Umfrage, Anfang der 90er vorgelegt, und der Rhein-Main-Erklärung der Oberbürgermeister von Darmstadt, Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Offenbach und dem Umlandverband Frankfurt (UVF) vom Sommer 1991 entstanden. „Das neue Europa wird ein Europa der Regionen sein“ stand da auf Seite 1 der Erklärung, die von Günther Metzger (Darmstadt), Andreas von Schoeler (Frankfurt), Herman-Hartmut Weyel (Mainz), Achim Exner (Wiesbaden), Wolfgang Reuter (Offenbach) und Verbandsdirektor Rembert Behrendt (UVF) unterzeichnet worden war. Die wachsende Zentralität erfordere starke Regionen als Gegengewicht, hieß es weiter.
Und dann formulierten die Herren Oberbürgermeister Sätze, wie sie seither ebenso häufig wie folgenlos geschrieben und gesprochen worden sind. „Um in der Konkurrenz mit anderen Regionen wie London, Paris oder Mailand bestehen zu können, müssen viele Entscheidungen in der Region gemeinsam getroffen werden. Die bestehenden Abhängigkeiten und
Verflechtungen müssen vor dem Hintergrund der gemeinsamen ökologischen und ökonomischen Ziele eine neue Bewertung erfahren.“ Vor diesem Hintergrund müsse auch das Regionalbewusstsein gestärkt werden. „Die ,Rhein-Main-Erklärung‘ der Unterzeichner soll dies zum Ausdruck bringen. Sie ist als Initialzündung
zu verstehen für eine umfassende Kooperation der Städte, Gemeinden und Landkreise.“
Das war vor zehn Jahren und die gute Idee zündete nicht. Zwar richteten die prominenten Rhein-Mainler verschiedene Arbeitsgruppen ein, deren Ergebnisse dann in die Konferenz der Oberbürgermeister einfließen sollten – und tatsächlich tagten die Arbeitsgruppen dann auch das eine oder andere Mal. Aber bei aller Gedankenschwere blieben die Herren doch überwiegend tatenarm. Das lag weniger an der mangelden Entschlossenheit der meisten Beteiligten, wobei vor allem der UVF und Städte wie Offenbach und Mainz drängten, mit der Kooperation ernst zu machen. Es lag an der zögerlichen, hemmenden Haltung der Stadt Frankfurt, die dem Projekt am Ende mit gewisser Skepsis begegnet war und es im Grunde – ob gewollt oder nicht – zum Scheitern gebracht hatte.
Das hatte sich schon bei der Finanzierung der 250.000 Mark teuren Emnid-Studie gezeigt, die in Qualität und Aussagekraft bis heute unerreicht ist und die Grundlage war für das Strategische Kommunikationskonzept der Agentur Demuth. Auf die Frage, ob Rhein-Main eine einheitliche Region sei, hatten 56 Prozent der von Emnid Befragten damals mit Nein geantwortet und mehrere Gründe angegeben: Es gebe keine gemeinsame Kultur, keine gemeinsame Tradition und keine fest umrissenen Grenzen der Region. Nur jeder Dritte Befragte bezeichnete die Region als gemeinsamen Wirtschaftsraum mit guten wirtschaftlichen Aussichten.
Citigate Demuth präsentiert das IBA-Konzept im Oktober 1993
Auf dieser Grundlage entwickelte die Frankfurter Agentur ihr Konzept, mit dem sie sich im Wettbewerb gegen vier Mitbewerber durchsetzen konnte. Am 8. Juli und am 7. Oktober 1993 präsentierten die PR-Leute ihr Papier vor Vertretern der beteiligten Großstädte, die auch die Rhein-Main-Erklärung unterschrieben hatten. Dabei blieb es. Zweieinhalb Jahre später gingen die Öffentlichkeitsarbeiter der Großstädte und des UVF deshalb in die Offensive und formulierten ihr gemeinsames Positionspapier unter dem Titel „30 Monate Rhein-Main-Erklärung oder ,The Days of Future passed‘”.

Die Bilanz der 1991 angekündigten Kooperation war nach Einschätzung der Pressesprecher verheerend: „Bislang wurde in den Arbeitskreisen für die OB-Runden keine Strategie für eine zukunftsorientierte Entwicklung der Region erarbeitet. Es gibt kein Gremium, dass über gemeinsame Interessen und Strategien nachdenkt. Sachverstand von außen wird im Sinne
einer kontinuierlichen Arbeit nicht eingesetzt. Gemeinsamer Handlungsbedarf scheint nur zu bestehen, wenn man nachdrücklich eine bessere Finanzausstattung fordert.“
Die IBA Rhein-Main und die Forderung
nach einer regionalen Gebietskörperschaft
Als Konsequenz verlangten die Pressesprecher eine regionale Gebietskörperschaft mit eigenem Etat. „Nur sie macht es möglich, im Europa der Regionen wettbewerbsfähig zu sein.“ Unter den zahlreichen Empfehlungen für die künftige Arbeit heißt es dann zum Schluss: „Rhein-Main braucht neben dem Verkehrsverbund gemeinsame Symbole, auch im Freizeit- und Kulturangebot. Es ist ein Diskussionsprozess einzuleiten, ob Projekte wie die IBA oder ähnliche der Region eine Perspektive für ein gemeinsames Handeln geben.“
Mit dem Papier, Mitte Februar 1994 in Oestrich-Winkel diskutiert und verabschiedet, „lagen wir damals richtig“, sagt Rheingau-Taunus-Landrat Bernd Röttger, seinerzeit Pressechef des UVF. Im Unterschied zu damals seien die Voraussetzungen heute angesichts der Kooperationsbereitschaft in der Region aber „exzellent“. Das Projekt IBA ist damals vergessen worden – bis Ende 1999 Nicolai Lutzky von der Beratungssocietät BNL erneut für eine Bauausstellung plädiert hat.
