Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 16. Januar 2002
Karl Ganser war von 1989 bis Ende 2000 Geschäftsführer der Gesellschaft Internationale Bauausstellung IBA Emscher Park mit dem Auftrag, eine internationale Bauausstellung zur ökologischen und sozialen Erneuerung eines alten Industriereviers zu realisieren. Ich hatte ihn ein Jahr nach der Gründungsversammlung zur Landschafts- und Strukturausstellung „Regionale“ 2001 um einen Gastbeitrag gebeten. Die Regionale war zu diesem Zeitpunkt bereits zur Metropolitana umfirmiert worden.
Von Karl Ganser
Zu Beginn des vergangenen Jahres zeigte sich eine Initiative, die eine Regionale für die Region FrankfurtRheinMain ins Gespräch bringt. Gewichtige Persönlichkeiten aus der Wirtschaft äußern sich zustimmend zu dieser Idee wohl im gemeinsamen Grundgefühl: Der Wirtschaftsriese sei ein Imagezwerg. Beklagt werden die Vielzahl der großen und kleinen „lokalen Kirchtürme“, die im krassen Gegensatz zur längst vorhandenen „regionalen Wirklichkeit“ des Wirtschaftsgeschehens und der Lebensweisen stehen; der Wirrwarr der Verwaltungsstrukturen, der schnelle Entscheidungen und einheitliches Auftreten behindert; die schwache Position der Region im Wettbewerb der Metropolen; die einseitige Wahrnehmung der Region als Wirtschaftsriese und die Verkennung der Lebensqualitäten und die Schwierigkeiten bei der Anwerbung von Führungspersonal wegen des schlechten Images.

Also soll mit Hilfe einer „Landschafts- und Strukturausstellung“ beziehungsweise der Metropolitana, wie sie heute heißt, dieses Image der Region gewendet werden. Auf der Suche nach den tragenden Inhalten dieser Ausstellung wird Kunterbuntes zusammengetragen, alles was scheinbar populär und werbewirksam ist. Standortkonkurrenten und Image-Vorbilder werden in London, Paris oder Mailand, ein wenig auch in Berlin vermutet. Charme und Chic, spektakuläre Kultur, die weichen Standortfaktoren sollen nachgebessert werden.
Ganser: „Nachahmen urbaner Qualitäten
von ,alten Metropolen´geht auf keinen Fall“
Dabei werden zwei ungemütliche Fragen nicht weiter beachtet: 1. Ist der „Imagezwerg“ vielleicht wirklich ein Zwerg und eben nicht ein nur nicht wahrgenommener Riese? Dann lässt sich dessen Figur nicht einfach durch eine Imagekampagne aufplustern. 2. Wenn also die Realität der Region tatsächlich so sein sollte, wie sie wahrgenommen wird, dann muss sie mühevoll und zeitraubend verändert werden. Aber wohin geht dann die Reise? Denn Nachmachen urbaner Qualitäten von „alten Metropolen“ geht auf keinen Fall.

Ein Prospekt zur Olympia-Bewerbung legt die Vermutung nahe, es soll poliert werden, was an Qualitäten behauptet wird, aber bei einer Prüfung der Realität auf schwachen Fundamenten steht. Solche Kampagnen verfangen nicht, erregen keine Aufmerksamkeit, gelegentlich eher das Mitleid der Überlegenen: „Ach, die auch!“ Hamburg („Das Hoch im Norden“) oder das Ruhrgebiet („Ein starkes Stück Deutschland“) haben solche Werbung jahrelang traktiert.
,,Wir haben auch… „wir sind ja gar nicht so schlecht“: Wer so über sich redet, wird nicht glaubwürdig bei den Menschen in der Region, denn diese haben ein solides Gefühl über die realen Lebensbedingungen. Er wird auch in der Außenwahrnehmung zum Hinterherläufer, allenfalls immer nur „Zweit-Bester“! Regionale Identität entsteht auf diesem Weg ganz sicher nicht. In der Rückwirkung hat eine solche Präsentationsstrategie das Ergebnis, dass die Region sich noch mehr an die gleichnamigen Welttrends anpasst.
„Identität entsteht mit der anstrengenden Arbeit
an einem Gemeinschaftswerk der gesamten Region.“
Wenn eine „Metropolitana FrankfurtRheinMain“ nicht einen sehr eigenwilligen, eigenständigen und vielfach unpopulären Weg findet, dann ist ihr auf tieferem Niveau das Schicksal der Expo 2000 Hannover beschieden: Von allem etwas, möglichst seicht, bloß kein Programm, das könnte ja anecken.
Ganser: „Die Eventhüllen wirken abgespielt“
Wer erinnert sich noch an etwas von dieser Expo? Ja doch, an einen gigantischen wirtschaftlichen Misserfolg zu Lasten des Steuerzahlers. Zu welcher existenziellen Zukunftsaufgabe traut sich die Region zu, einen für die Region passende und zugleich weltweit beachtete Lösung zu erarbeiten? Identität entsteht mit der anstrengenden Arbeit an einem Gemeinschaftswerk der gesamten Region. Beachtet und geachtet wird draußen, wenn die Messlatte so hoch liegt, dass mit Spannung das Scheitern oder das Überspringen verfolgt wird. Dafür muss ein Ziel für eine zumindest zehn Jahre währende Arbeit markiert werden, der Weg dorthin muss eine wachsende Spannung bis zur „Eröffnung“ schaffen. Und dieses Projekt wird kein Event sein wie eine Gartenschau oder eine Europäische Kulturhauptstadt oder eine Fußball-Weltmeisterschaft. Denn auch diese Event-Hüllen wirken abgespielt.

Themen wurden zu Beginn der Initiative genannt, die etwas in sich haben: Der Regionalpark oder die historisch ungewohnte Aufgabe, Natur inmitten einer Agglomeration in einer bislang unvorstellbaren Symbiose von Ökologie und Ästhetik zu entfalten, die offene Stadt (Beitrag Ipsen), die allen bisherigen Ansätzen zur Verwirklichung einer multikulturellen Stadtgesellschaft ein tabubrechendes Experiment vorstellt und der „virtuellen community“ und der Wissensgesellschaft reale Welten zur Auseinandersetzung anbietet. Die Themensuche in einer regional organisierten Gemeinschaftsaktion als „großer Dialog“ über die Grenzen hinweg, das ist der erste Akt eines solchen Projektes.
Der lange Weg zur Planung und Realisierung von Experimenten und zur Veränderung der Wirklichkeit benötigt eine starke Organisation, stark im unangepassten Denken, stark in der Durchsetzung von Ideen, stark im Qualitätsmanagement und stark in der Kommunikation jenseits der probaten Werbungsroutinen.
80 Millionen Mark haben
fünf Milliarden Mark Investitionen ausgelöst
Vor allem benötigt diese Organisation eine verlässliche Menge an „freien Geldern“, frei von staatlichen Förderprogrammen und zugehöriger Bürokratie, frei von Unternehmensinteressen und frei von lokalen Egoismen. Nur zur Erinnerung: Die IBA Emscher Park hatte für ihre zehnjährige Aufgabe 80 Millionen Mark freie Mittel. Das waren öffentliche Mittel des Landes und damit wurden rund fünf Milliarden Mark öffentliche und private Investitionen nach einer zentralen Strategie dirigiert: „Einer alten Industrieregion für ihre Zukunft ein ökologisches Fundament und ein kulturelles Gesicht zu geben.“
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- Der Journalisten-Blog Ruhrbarone hat 2009 ein lesenswertes Interview mit dem nordrhein-westfälischen Stadtentwicklungsminister Christoph Zöpel (SPD) geführt, der zusammen mit Karl Ganser Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Idee einer Internationalen Bauausstellung für das Ruhrgebiet entwickelt hat (Link).
- Gudrun Escher in der Bauwelt 2024 über Gansers Buch „Integratives Planen und Handeln“ (Link)
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