Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 26. September 2000
Von Jürgen Schultheis
FRANKFURT A. M. Ortskundige hatten sie gewarnt. Nicht nach drüben gehen, sich jenseits des Mains niederlassen, Dribbdebach also, wie einheimische Quartierspatrioten das gerne nennen. Sie hat die Warnungen in den Wind geschlagen und sich eine Wohnung in bequemer Entfernung zum Deutschen Architekturmuseum (DAM) genommen. Ingeborg Flagge, seit zweieinhalb Monaten Leiterin des DAM, wohnt in Sachsenhausen und hat dennoch nicht vergessen, wo die Brücke über den Fluss in die City führt.

Gelegentlich begleitet sie am Wochenende Freunde und Bekannte auf den Maintower, wo die Frankfurter Skyline am eindrukvollsten wirkt. Es sind Ausflüge in die neue Wirklichkeit der Stadt, die der Bauhistorikerin und langjährigen Architekt-Chefredakteurin nicht immer behagen. „Sachsenhausen wieselt“, sagt Ingeborg Flagge, „und die City ist leer“. Das Bild von Stadt, das wir im Kopf tragen, und die reale Stadt da draußen haben nicht mehr viel gemein. Der Markt als Zentrum der Kapitale, wo Menschen leben, arbeiten, Informationen austauschen und Handel treiben, das Bild von der mittelalterlichen Stadt also, tragen wir noch im Kopf, analysiert die 57-Jährige, „wir jagen immer einer Idee hinterher, die es so in Frankfurt oder Köln nicht mehr gibt“. Sie sagt es mit Wehmut, weil auhistoriker – Fluch der Profession – dieses Bild „noch um einiges lebendiger im Kopf“ halten.
In der neuen Wirklichkeit liegen die Marktplätze für Waren und Informationen im weltweiten Netz der Netze; die Innenstädte – „unsere guten Stuben“ – haben sich zu Plätzen gewandelt, wo Unternehmen und Verwaltungen Funktionen konzentrieren. Das Leben findet in den Stadtteilen, in den Quartieren und sanierten Großsiedlungen statt, die sich an die Kernstadt andocken und wo Großmärkte wie Belagerungsringe entlang der Autobahnen die alten Kernstädte umfassen, sagt die DAM-Leiterin.
„Die Region ist die Stadt“ war vor zwei Jahren die gemeinsame Jahrestagung der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) und der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) überschrieben – „ein Zitat, das im Prinzip die Situation beschreibt, in der wir leben“, sagt Flagge. Leben, Arbeiten, Erholen haben je ihren Ort, der geographisch nicht mehr in einem Punkt zusammenfällt wie in der alten Stadt. Der Raum des Alltäglichen ist heute die Region. Region, das ist für die DAM-Leiterin in Zeiten der Globalisierung und Europäisierung ein Miteinander, das bislang – wenn überhaupt – selten gelungen ist.
Köln/Bonn mag da ein Negativbeispiel sein. Hätten sich die beiden alten Städte im Wendejahr zusammen als Region mit 1,5 Millionen Einwohnern präsentiert, wäre das nach Einschätzung Flagges ein Gegenmodell zur Hauptstadt Berlin gewesen. Und Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet? Frankfurt, das sich mit den Global Cities gerne in einem Atemzug nennt und den Makel seiner Kleinräumigkeit ein wenig kokett mit dem Prädikat der kleinsten Metropole der Welt zu kaschieren sucht, wird vermutlich niemals die einheitliche Gestalt und Bedeutung Londons erreichen. Das hat historische Gründe, weshalb Flagge die Region Rhein-Main mit Frankfurt als Ort des Revolutionsparlaments von 1848 einen „intensivdeutschen Ort“ nennt.
Mehr als andernorts seien hier die Grenzen der alten deutschen Klein- und Mittelstaaten aufeinander getroffen, was umgekehrt die Entstehung einer großen, dominierenden Kapitale – wie London für Großbritannien oder Paris für Frankreich – verhindert hat. „Insofern ist aus diesem Raum kein London zu machen“, sagt sie. „Aber in dieser Unterschiedlichkeit liegt ein ungeheurer Reiz, nur muss dieser Reiz miteinander formuliert und bewusst gemacht werden. Das speziell Deutsche dieser Region, das hat einen Wert, den es woanders nicht gibt, und der lässt sich in Architektur, Tradition und Kultur formulieren. Nur muss man das miteinander angehen.“
Es kommt darauf an, sagt Flagge, dass „hier eine andere – regionale – Politik gemacht wird“. Dazu gehört, dass die Zentren der Region – neben Frankfurt etwa Wiesbaden und Darmstadt – in ihren Besonderheiten als Städte gestärkt werden, andererseits das „Zwischenland“, jene Kulturlandschaft mit kleineren Städten und Dörfern im Rhein-Main-Gebiet, in seiner Qualität angehoben wird. Flagge spricht von einem Spannungsbogen, der zwischen beiden Siedlungsformen erhalten werden muss, zwischen den „Städten, in dem, wie und was sie sind“, und dem, „was vom Umland an eigenen Qualitäten diesen Städten entgegengesetzt wird“. Man könne das nicht nivellieren zugunsten einer Annäherung an das andere, warnt sie.
Nur mit einem Kooperationsmodell könne man solche Eigenheiten der Städte in der Region stärken, „und damit kann man sich profilieren, aber man kann diese Eigenheiten nicht entwickeln gegeneinander“ – weshalb sie dringend dazu rät, das „Klein-Klein-Denken der Städte“ nicht nur in dieser Region zu überwinden.
Zugleich hätte Frankfurt an einem Bild, einer Vision zu arbeiten, mit der das einseitige Image als Umschlag- und Finanzplatz korrigiert werden könnte. „Es gibt diese Vision von Frankfurt nicht, man füttert hier eine Initiative, macht dort etwas, aber die Dinge sind nicht koordiniert, dahinter steht kein klares Bild.“ Denken in engen Grenzen, mangelnde Kooperation und das fehlende Bild haben für die 57-Jährige dazu geführt, „dass Frankfurt als Platz für Institutionen und nicht als Ort für Menschen wahrgenommen wird“.
Dabei haben Kernstadt und Region Qualitäten, die es herauszustellen gelte. Der Weg dorthin könnte laut Flagge über die Landschafts- und Strukturausstellung „Regionale“ führen, die von Top-Managern der Region befürwortet wird. „Es ist mühseliger, aber auch sehr viel spannender als die Art und Weise, wie sich Frankfurt und die Region derzeit definieren.“ Das Deutsche Architekturmuseum könnte in diese Diskussion eingespannt werden als Ort, wo die Fäden zusammenlaufen. „Das wäre ein Akt der Beheimatung“ in der Stadt und in der Region, sagt Flagge, denn „angekommen ist das DAM ja schon“.
Dribbdebach hat im Konzept der kooperativen Region gewiss seinen Platz – wie viele Quartiere, Gemeinden und Städte in der Region, die nicht recht zusammen kommen will. Von Sachsenhausen aus lässt sich die Region jedenfalls gut denken – jenseits von Klein-klein- und überkommenen Stadt-und-Umland-Kategorien.
