Das Scenario Model Intercomparison Project, das vom World Climate Research Programme (WCRP), betrieben wird, entwickelt Klimaszenarien für das Jahr 2100. Nun hat das Team um Detlef Van Vuuren die Szenarien im CMIP7-Report aktualisiert und das Worst-Case-Szenario (RCP 8.5) entsorgt, weil der im Szenario beschriebene CO2-Ausstoß mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bis 2100 nicht in dem Maße wächst, wie es noch im CMIP6-Report prognostiziert worden war. Kritiker*innen und Skeptiker der Klimapolitik wie Ex-Ministerin Kristina Schröder, heute stellvertretende Leiterin der konservativen Denkfabrik R21 (CDU), fordern eine Umkehr in der Klimapolitik oder verlangen – wie Weltwoche-Chef Roger Köppel – die Regierungsprogramme für den Klimaschutz gänzlich abzuschaffen.
Sie irren sich – und belügen die Öffentlichkeit. Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigt, was die Kritiker*innen nicht lesen wollen oder können.
Das Team des Klimamodellierungsprojektes (CMIP7) hat sich Anfang April 2026 unter sechs Szenarien, die unterschiedliche Varianten für die Entwicklung des Erdklimas beschreiben, von der extremen Variante (RCP 8.5) verabschiedet. Flugs waren die Skeptiker und Kritiker zur Stelle, allen voran US-Präsident Donald Trump, der über seine Propaganda-Plattform Truth Social „Wrong, wrong, wrong“ in die Welt brüllte.


Reto Knutti, Mario Buchinger, Özden Terli, Stefan Rahmstorf, und Daniel Mautz haben dazu jüngst auf LinkedIn vieles Richtige geschrieben. Der tiefere Blick in den Beitrag von Detlef Van Vuuren (CMIP7) lohnt dennoch. Dem RCP 8.5-Szenario lag die Annahme zugrunde, dass 2035 mehr als 65 Mrd t CO2 emittiert werden (2025: 38,6 Mrd t). Das ist tatsächlich unwahrscheinlích, weil die Welt offenbar Peak Coal erreicht hat – insofern sind die Szenarien in CIMP7 „realistischer“ geworden, sofern Prognosen realistisch sein können.

Van Vuuren stützt sich seinem CMIP7-Report auf Analysen von Zeke Hausfather und Glen Peters, die schon 2020 in Nature darauf hingewiesen hatten, dass das RCP 8.5-Szenario nicht mehr zu halten ist. Aktuell hat Hausfather in The Climate Brink unter der Überschrift „On the death of RCP 8.5“ (18. Mai 2026) noch einmal ausführlich Stellung bezogen.
Dort heißt es: „Zwar neigen wir dazu, den zentralen Schätzwert der künftigen Erwärmung im Jahr 2100 im Zusammenhang mit einem bestimmten Emissionsszenario anzugeben (z. B. 2,8 °C), doch verbirgt sich hinter dieser einzigen Zahl eine recht große Bandbreite tatsächlich möglicher Klimareaktionen. Die folgende Abbildung (siehe unten, JS) zeigt beispielsweise die Wahrscheinlichkeit, dass unter dem mittleren illustrativen CMIP7-Szenario unterschiedliche Temperaturwerte erreicht werden. Während der Median bei 2,8 °C liegt, erstrecken sich das 5. bis 95. Perzentil von 2,1 °C bis 3,7 °C, und es besteht sogar eine geringe Wahrscheinlichkeit (~2 %), dass die Erwärmung 4 °C oder mehr beträgt.“


Die neuen CMIP7-Szenarien umfassen laut Hausfather auch „ein ,High´-Emissionsszenario, das eine eher ,Trump-ähnliche´ Zukunft untersucht, in der die derzeitige Politik zurückgenommen wird und der Ausbau sauberer Energien verlangsamt wird. Das illustrative ,High´-Szenario geht von einer Erwärmung im Jahr 2100 von fast 3,3 °C aus (mit einer Spanne von 2,5 °C bis 4,4 °C).“
Die Rolle rückwärts in der Klimapolitik, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland und in Europa, hat ihren Niederschlag in den Studien gefunden, in denen immer auch Annahmen über Klimapolitik gemacht werden.
Auch wenn die Extremvariante aus den CMIP7-Szenarien herausgenommen worden ist, gibt es keinen Grund, Entwarnung zu geben, wie es Schröder, Köppel, Bojanowski und andere tun. Hausfather schreibt: „Die schonungslose Realität des Klimawandels sieht so aus: Solange die CO₂-Emissionen über Null bleiben, wird sich die Erde weiter erwärmen. Das mittlere Szenario geht bis 2150 von einer Erwärmung um etwa 3,7 °C aus, während das hohe Szenario trotz der Annahme, dass die Emissionen nach 2100 stagnieren oder leicht zurückgehen, in etwa der Erwärmung des alten RCP8.5-Szenarios entspricht.“ RCP 8.5? Offenbar ist diese Variante zwar aus dem aktualisierten Bericht herausgenommen worden, als Möglichkeit bleibt sie aber in den Köpfen der Klimawissenschaftler.
Hausfather: „Es ist in der Tat ironisch, dass Präsident Trump die Klimawissenschaft dafür kritisiert, in der Vergangenheit Szenarien mit hohen Emissionen herangezogen zu haben, während seine Regierung aktiv den Rückbau der bestehenden Klimapolitik, die Einschränkung der Entwicklung neuer sauberer Energien und die Vorgabe unterstützt, dass Kohlekraftwerke trotz ihrer hohen Kosten weiterbetrieben werden müssen.“
Schellnhuber: +3° C überfordern unseren Körper
Eine +3°C Erwärmung ist für die Lebensbedingungen der Menschheit vor allem in tropischen Gebieten eine große Herausforderung, wenn überhaupt solche Klimabedingungen für den Körper zu bewältigen sind. „Bei einer 3 Grad Erwärmung würden die inneren Tropen unbewohnbar werden, in dem Sinn, dass sie ohne Klimaanlage im Freien nicht länger als 3 Stunden überleben könnten, weil die Kombination aus Temperatur und Luftfeuchte uns physiologisch überfordern würde. Das heißt, dass dann bis zwei bis drei Milliarden Menschen keinen Lebensraum mehr hätten“ sagte Hans Joachim Schellnhuber am 3. Dezember 2023 im ZIB2-Interview des ORF. Schellnhuber ist heute Generaldirektor des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien.

In seinem Beitrag für Nature hatte Hausfather 2020 neben den Recent Concentration Pathways (RCP), die den Strahlungsruck pro Quadratmeter als Maß für die Erderwärmung angeben, auch sozioökonomische und technologische Entwicklungspfade berücksichtigt, so genannte SSP-Szenarien. Er schreibt: „Jeder hat eine Basislinie, in der nach 2100 keine klimapolitischen Maßnahmen ergriffen werden – was bis 2100 zu einer Erwärmung von 3° bis 5 C über dem vorindustriellen Niveau führt.“
Hausfather: „Wir können uns nicht mit +3° C zufrieden geben“
Eine Bewertung der derzeitigen politischen Maßnahmen lasse darauf schließen, „dass die Welt auf einen Temperaturanstieg von etwa 3 °C über dem vorindustriellen Niveau bis zum Ende des Jahrhunderts zusteuert – immer noch ein katastrophales Ergebnis, aber weit entfernt von 5 °C. Wir können uns nicht mit 3 °C zufrieden geben; aber wir sollten auch die erzielten Fortschritte nicht außer Acht lassen.“
Während Van Vuuren in CMIP7-Report auf Hausfather zurückgreift, berief sich Hausfather wiederum auf eine Studie von Emily Ho von 2019 („Not all carbon dioxide emission scenarios are equally likely: a subjective expert assessment“) in Climatic Change.

Ho und ihr Team hatten 2016/2017 (!) drei Studiengruppen darüber befragt, welche CO2-Emissionen sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bis 2100 prognostieren. Das Ergebnis: Die mittleren Emissionswerte lagen nach Einschätzung der rd 50 befragten Expert*innen bei 57 Mrd t im Jahr 2100 – niedriger zwar als in RCP 8.5 prognostiziert, aber deutlich zu hoch für die Begrenzung der Erderwärmung auf max +1,5°C!
Die schonungslose Realität
des Klimawandels jenseits von RCP 8.5
Hat das jemand gelesen? Jedenfalls lassen die Statements der Kritiker nach der Lektüre der genannten wissenschaftlichen Publikationen nur den Schluss zu, dass diejenigen, die da sprechen, niemals einen Blick in die Studien geworfen haben, auf deren Grundlage das RCP 8.5-Szenarion aus dem Report gestrichen worden ist. Die Rolle rückwärts nicht nur in den USA ist im aktuellen Szenario integriert, die Tendenz aber wenig beruhigend. Noch einmal Hausfather: „Die schonungslose Realität des Klimawandels sieht so aus: Solange die CO₂-Emissionen über Null bleiben, wird sich die Erde weiter erwärmen. Das mittlere Szenario geht bis 2150 von einer Erwärmung um etwa 3,7 °C aus.“
Die Erwärmung der Erde lag nach Angaben der World Meteorological Organisation (State of the Climate 2025) um +1,43° C über dem vorindustriellen Wert. Deutschland hat sich nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) im Report „Was wir über das Extremwetter in Deutschland wissen“ um +2,3°C erwärmt, und sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen sind inzwischen überschritten (Link).


Vor einer +3° C Erwärmung bis zur Jahrhundertmitte hatte im September bereits ein gemeinsames Papier der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft gewarnt, der sich die Gesellschaft Deutscher Chemiker angeschlossen hat. Darin heißt es: „n Deutschland und international sind die zugesicherten Klimaschutzziele deutlich zu gering bemessen (Ambitionslücke) und die derzeitig umgesetzten und vorgesehenen Maßnahmen reichen nicht aus, um selbst diese zu gering bemessenen Ziele zu erreichen (Umsetzungslücke). Dies hat weitreichende Folgen: Die Ambitionslücke führt bis 2100 mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Erwärmung von 2 bis zu 5 Grad gegenüber den vorindustriellen Temperaturen, die Umsetzungslücke zu einer weiteren Erwärmung um einige Grad. Bereits bis 2050 besteht das Risiko einer Erwärmung um 3 Grad.“
Das Fazit der drei Organisationen: „Die menschengemachte globale Erwärmung ist eine reale Gefahr für den Fortbestand der menschlichen Zivilisation.“
3° C mehr bedeuten langfristig einen Anstieg
des Meeresspiegels um 10 bis 20 Meter
Was eine CO2-Konzentration von 431 ppm ( ein Wert Ende Mai 2026) für die Erde bedeuten, zeigen Forschungen aus dem Bereich der Klimageschichte. In der Sonderausgabe der Zeitschrift Oceanography vom Juni 2020 heißt es: „Während des Pliozäns (vor 4–3 Millionen Jahren) entsprach der CO₂-Gehalt dem des Jahres 2020 n. Chr., und der Meeresspiegel lag etwa 22 ± 10 m über dem heutigen Niveau.“
Kurzum: Der Verzicht auf das RCP 8.5 Szenario im CMIP7-Report ist kein Beleg dafür, dass sich Wissenschaftler*innen gerirrt, falsche Prognosen erstellt oder bei den Prognosen übertrieben haben. Im Gegenteil: Auch wenn die CO2-Emissionen weltweit immer noch steigen, ist die Zunahname trotz einer schwachen Klimapolitik nicht in dem Maße gestiegen wie ohne Klimaschutz. Das ist die im Kontext einer immer noch fatalen Entwicklung die positive Botschaft, auf die Zeke Hausfather hinweist!

Beiträge, wie sie in The Hill am 23. Mai 2026 erschienen sind („Die Panikmacher in Sachen Klimawandel schulden der Generation Z eine Entschuldigung“, Link) führen das Publikum in die Irre. The Hill liegt unter allen Nachrichtenseiten in den USA auf dem zweiten Platz, direkt hinter CNN, und ist damit populärer als Politico, Fox News, NBCNews.com und MSNBC. Im Oktober 2025 verzeichnete das Medium monatlich etwa 42 Millionen Website-Besuche – das zeigt, welchen potenziellen Einfluss solche Plattformen auf die öffentliche Meinung haben.
Jenseits der Debatte über Klimaszenarien und die Entwicklung des globalen CO2-Ausstoßes hat die wichtigste Forderung des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen („Welt im Wandel„) nichts an Aktualität eingebüßt:


