Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 16. Januar 2001
Von Stephan Börnecke
Mit einer Struktur- und Landschaftsausstellung will das Rhein-Main-Gebiet sein Image aufpolieren. Diese Idee, für die Spitzenmanager, Wissenschaftler und Politiker am Montag in
Frankfurt auf Initiative der Frankfurter Rundschau die Basis geschaffen haben, knüpft an die Erfolgsstory der Internationalen Bauausstellung Emscher Park an. Dort gelang es mit 120 Projekten, in zehn Jahren aus der Krisen- die Zukunftsregion Rhein-Ruhr zu formen und ein Regionalbewusstsein zu schaffen.
FRANKFURT A. M. „Anfassbar, erlebbar, wahrnehmbar“, so soll nach Ansicht des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, das Projekt werden, dessen mögliches Themenspektrum in den nächsten neun Monaten durch eine Gruppe von Wissenschaftlern abgesteckt werden soll. Dazu werden „identitätsstiftende“ Beispiele (FR-Chefredakteur Hans-Helmut Kohl) aus Bildung, Landschaftsschutz, wie bereits durch Grüngürtel und Regionalpark in Teilen realisiert, sowie alte und neue Musterlösungen aus Architektur und Kultur gehören, die in einem Zeitraum von fünf bis mindestens zehn Jahren helfen sollen, die Region zusammen zu schweißen und sie attraktiv auch für Außenstehende zu machen. Zwar starte man im Gegensatz zum Emscher Park, sagte Breuer, in Rhein-Main nicht mit einem „Desaster-Szenario“. Doch die „weichen Standortfaktoren“, zumal im kulturellen Bereich, „hinken hinterher“, und zwar trotz aller Wirtschaftskraft des Raumes.


Beabsichtigt sei deshalb eine „Optimierungsinitiative“. „Die Welt außerhalb Frankfurts“, sagte der Frankfurter IHK-Präsident Wolf Klinz, solle eines Tages sagen können, „Mensch, das ist eine tolle Ecke, und sie werden neugierig sein und mit Sack und Pack ein paar Jahre hierher kommen“. Konstituiert wurde am Montag unter Federführung der Frankfurter IHK ein Lenkungsausschuss, der alle zwei Monate tagen will und dem Vertreter von Firmen wie der Deutschen Bank, Aventis, Procter & Gamble, Deutsche Telekom, der Messe Frankfurt und der Frankfurter Flughafen angehören.
Die Firmen stellen auch den Kapital-Grundstock für die privat initiierte und finanzierte Startphase bereit. Erwartet wird, dass sich neben weiteren Firmen auch Städte und Kommunen beteiligen. Der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Herbert Hirschler (FDP), sagte eine spätere finanzielle Beteiligung des Landes zu. Er sehe in dem Startschuss ein „Aufbruchsignal“. Profitieren von der Initiative soll ein Lebens- und Arbeitsraum für 4,8 Millionen Menschen, in dem jährlich auf einer Fläche von 3,1 Prozent der Bundesrepublik sechs Prozent der Bundesbürger leben, die etwa 8,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften.

Doch auch europaweit liegt das Rhein-Main-Gebiet zwischen Bingen/Mainz und Aschaffenburg sowie Darmstadt und Limburg auf den vorderen Rängen und wird in seiner Kaufkraft nur von London, Hamburg, Luxemburg und Brüssel übertroffen. Doch mit der wirtschaftlichen Spitzenposition gehen schlechte Noten für die Lebensqualität einher – die Region rund um Frankfurt gilt – zu Unrecht – als unattraktiv, ergaben Umfragen.
Damit dies anders wird und das Rhein-Main-Gebiet nicht länger als unbekannter Appendix der Bankenmetropole gilt und die Region nicht länger als Wirtschaftsriese prosperiert, aber als
Imagezwerg verkümmert, soll die Ausstellung die Stärken des Raumes zeigen und kräftigen. Die Strukturausstellung unter dem Arbeitstitel „Urbane Metropole Rhein-Main“, kurz auch „Regionale“ genannt, soll nicht nur auf den Feldern arbeiten, die für eine Bauausstellung typisch sind. Es geht nicht nur um Architektur, sondern es geht auch um die „Begabungen“ einer Region, die für ihre Internationalität steht und für ihre kulturellen Highlights, die eine sonst kaum anzutreffende Vielfalt von Städten, Dörfern und Landschaften aufweist.

Zu den insgesamt in der „Grundsatzerklärung“ genannten sieben Stärken oder Begabungen sollen bis zum Herbst dieses Jahres in einem Memorandum Grundzüge einer Ausstellung formuliert und Leitprojekte entwickelt werden. Es soll dann ein Wettbewerb ausgeschrieben werden, der die Potenziale der Bürger, Unternehmer und Verbände publik macht und sie
einbindet. Auf diesem Weg erhoffen sich die Initiatoren, überdies ein Regionalbewusstsein und eine unverwechselbare Identität schaffen zu können. Denn „solange die Region kein Bild hat“, beschrieb der Oldenburger Soziologe Walter Siebel das Ziel, „solange wird sie auch keines im Ausland haben.“
Die ursprüngliche Idee für die Rhein-Main-Regionale stammt von Nicolai Lutzky von der Berliner Beratungssocietät BNL, der im September 1999 eine alte Idee von der Bauausstellung aufgegriffen hatte und der nun das wissenschaftliche Gremium betreut, das bis zum Herbst eine Vorstudie über Machbarkeiten des Projektes vorlegen soll.

