Wilfried Wang: „Die Bauausstellung ist
eine Chance für das Rhein-Main-Gebiet“

Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 18. Dezember 1999

Von Jürgen Schultheis

Renommierte Architekten und Stadtplaner haben sich unter dem Titel „Regionale“ für eine Struktur- und Landschaftsausstellung im Rhein-Main-Gebiet ausgesprochen und Themen für die Schau vorgeschlagen. Mit der Ausstellung, die den Gedanken der IBA Emscher Park unter anderen Vorzeichen fortführt, könnte die Grundlage für Regionalbewusstsein im Rhein-Main-Gebiet geschaffen werden.

FRANKFURT A. M. Anfang der 80er Jahre hat Karl Ganser, damals Direktor der Bundesanstalt für Raumordnung, den Blick in eine Zukunft geworfen, die kaum ein Politiker je zuvor ermessen hat. Da hat der Mann, der heute Direktor der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (IBA) ist, die These formuliert, dass, „wenn es dem Ruhrgebiet schon wieder gut geht, es Stuttgart und München schlecht geht“. Entstanden ist in der Folge eine Bauausstellung, die mit 120 Projekten in zehn Jahren aus der Krisenregion in Ansätzen eine Zukunftsregion Rhein-Ruhr gemacht und dabei nebenbei mitgeholfen hat, „ein Regionalbewusstsein zu entwickeln“.

Karl Ganser (1937 – 2022(, charismatischer Direktor der Internationalen Bauausstellung IBA Emscher Park. Weitere Informationen nach dem Klick auf das Bild

Gelungen ist das, weil die Planungsgruppe um Ganser mit ihren Projekten der Region „eine historisch vermittelte Identität gegeben hat“, sagt der Soziologe Walter Siebel, einer der sechs ehemaligen IBA-Direktoren und Leiter der Arbeitsgruppe Stadtforschung an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg. Alte Zechen zu öffnen und zu illuminieren, einen Gasometer als Ausstellungsraum zu nutzen, ehemalige Bergarbeitersiedlungen herzurichten oder Zukunftstechnologien anzusiedeln, all das hat dazu beigetragen, dass die Ruhr-Region inzwischen ihre „Industrievergangenheit als Basis für die besondere Qualität der Region“ versteht.

Womöglich nimmt die Region als Ort der Identifikation damit erstmals jenen Rang ein, der von den Menschen traditionell ihrer Gemeinde oder Stadt zugemessen wird. Unsichtbare Gemarkungsgrenzen verlieren mit einem Male ihre unheimliche Wirkung, Menschen und Orte zu trennen, die im täglichen Verkehr miteinander längst jene großen Netze entstehen lassen, die Experten als Ballungsräume oder Metropolregionen  bezeichnen.

Bilder der Region im Zeichen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park: Wie nirgendwo sonst in der Bundesrepublik liegen Urbanes und Provinzielles im Rhein-Main-Gebiet dicht beieinander. Der Verflechtungsraum Rhein-Main, die Beziehung zwischen Kernstadt und Umland, ist in den Köpfen der Menschen aber kaum verankert. Es fehlt in der Regel das Bewusstsein für die Region. Experten empfehlen deshalb eine Struktur- und Landschaftsausstellung, um dieses Bewusstsein zu schaffen. Das ist der Bauausstellung im Ruhrgebiet gelungen. (FR-Montage, Bilder:Oeser/Wegst/AMP/ Kuhlmann/dpa)

Aus diesem Blickwinkel hat die Bauausstellung Emscher Park, die in diesen Tagen zu Ende geht, den Menschen das Bewusstsein für den ganzen Raum gegeben, in dem sie leben und arbeiten. Die klassische Stadtbürgerschaft, das Verorten innerhalb jener Stadtmauern, die nicht mehr stehen, gibt es ja längst nicht mehr, sagt Siebel. Heute sähen sich die Kommunalverwaltungen „Kundengruppen“ gegenüber, „die von Bad Homburg erwarten, dass es eine Wohnatmosphäre bietet, von Frankfurt, dass es einen expansiven Arbeitsmarkt hat, und von Eschborn, dass es dort Schnellstraßen gibt, damit man schnell durchkommt“.

Die Zeche Zollverein, ein herausragendes Projekt der Internationalen Bauausstellung IBA Emscher Park 1989 – 1999. Weitere Informationen zur IBA nach dem Klick auf das Bild.

Die Konflikte, die dabei zwangsläufig entstehen, lassen sich auf der kommunalen Ebene aber nicht mehr lösen. Siebel spricht von der „Diskrepanz zwischen der Alltagsorganisation der Menschen und der Organisation der Verwaltung“ und weiß, dass solche Konflikte sich „sinnvoll nur noch in der regionalen Öffentlichkeit diskutieren“ lassen. Wer solche Öffentlichkeit herstellen will, muss auf das Bewusstsein für eine Region bauen. Darum ist es in Rhein-Main vermutlich so schlecht bestellt wie in anderen Metropolregionen Deutschlands.

Die Metropolregion FrankfurtRheinMain. (Grafik: Skyline-Atlas)

Eine Bauausstellung im Rhein-Main-Gebiet – darin sind sich Siebel, IBA-Chef Ganser und der ehemalige Darmstädter Städtebauprofessor und Architekt Thomas Sieverts einig – könnte das Instrument sein, Regionalbewusstsein zwischen Wiesbaden und Aschaffenburg, Darmstadt und Friedberg zu stimulieren. „Ich wüsste keinen anderen Weg“, sagt Soziologe Siebel. Ganser nennt eine vergleichbare Schau in Südhessen „eine der ganz wenigen Möglichkeiten“, wie man die Menschen hin zur Region führen kann. Auch Wilfried Wang, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, sieht darin „eine Chance für das Rhein-Main-Gebiet“.

Und Thomas Dilger, Vorsitzender der Landesgruppe Hessen / Rheinland-Pfalz in der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, spricht gar von einer „tollen Sache“. Zustimmung zu einem Rhein-Main – Ausstellungsprojekt „Regionale“ (Thomas Sieverts) signalisieren der Sprecher der Kulturinitiative Rhein-Main, Städel-Direktor Herbert Beck, die Wirtschaftsförderung Region Frankfurt Rhein-Main, der unter anderem 92 Städte und Gemeinden angehören, und die Wirtschaftsinitiative Frankfurt Rhein-Main mit ihren 135 Mitgliedsunternehmen. Die Vorsitzende der Wirtschaftsförderung, Bingens Oberbürgermeisterin Birgit Collin-Langen (CDU), schätzt die Idee „vom Grundsatz her als gut“ ein und  Frank Niethammer, Vorsitzender des Präsidiums der Wirtschaftsinitiative, nennt die Idee „wirklich interessant. Wir suchen ja seit Jahren den Aufhänger für das Regionalbewusstsein.“

„Wir brauchen etwas, was die Region Rhein-Main als Ganzes betrachtet“, fordert Sieverts, wie Walter Siebel einer der ehemaligen Direktoren der IBA Emscher Park. Eine klassische Bauausstellung wird das nicht sein können, sagt Sieverts, zumal schon die IBA keine solche mehr gewesen sei. Der Experte spricht lieber von einer „Struktur- und Landschaftsausstellung“. Sie könnte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Rhein-Main-Region ein „zusammenhängender Wirtschafts- und Kulturraum“ ist.

Vorschläge für eine Struktur- und Landschaftsausstellung „Regionale“ machen die Fürsprecher gleich zuhauf: Johnny Klinke, Chef des Frankfurter Tigerpalastes,nennt als großes Kapital „die Menschen aus 120 Ländern“, die in der Region arbeiteten. Soziologe Siebel pflichtet Klinke bei. Die Regionale Rhein-Main „muss die Fremdheit organisieren“, die Integration des Fremden zum Thema machen. „Zukunftsfähiges Wohnen“ und der „Freiraum in der Stadt“ seien weitere Themen, nicht zuletzt aber auch die Industriedenkmäler, die es in der Region noch gibt.

Sieverts nennt als großen Vorteil der Region, dass sie „im wesentlichen landschaftlich bestimmt ist im Gegensatz zu London oder Paris, die um den Faktor 10 größer sind“. In der Entwicklung der Landschaft habe Rhein-Main einen großen Vorteil. Dilger schlägt als wichtiges Thema die Zersiedelung vor, die zwar jeden Ballungsraum bedroht, in einer prosperierenden Region wie Rhein-Main aber „viel schneller und gefährlicher abläuft“. Dem Regionalpark Rhein-Main könnte deshalb die Funktion eines Bollwerks zuwachsen, die Zersiedelung aufzuhalten. Museums-
Chef Wang schlägt vor, die Parkanlagen am Main „konsequent durchzuführen“ und parallel zum Taunus einzelne Parks zu verbinden.

Bislang aber „schläft die Region“ (Sieverts), und die, die wegen ihrer exponierten Position besondere Verantwortung übernehmen müssten, nämlich Frankfurter Spitzenpolitiker, verlieren bislang ihr Interesse spätestens dort, wo Frankfurt endet. Planungsdezernent Martin Wentz (SPD) etwa „hat überhaupt keinen regionalen Ansatz für Frankfurt“, sagt Sieverts, „außer dass er Angst hat, dass alles in die Region abwandert. Das ist doch keine Perspektive.“

IBA-Direktor Ganser empfiehlt, dass die Ausstellung „aus der Region heraus getragen werden muss“ und nicht von Frankfurt dominiert werden darf. „Das müssen Themen sein, wo die Frankfurter mitspielen dürfen, wenn sie artig sind.“ Die IBA Emscher Park hatte vor zehn Jahren einen Wettbewerb ausgeschrieben und sechs Handlungsfelder abgesteckt, für die jeder Bürger Vorschläge hatte machen können. Damit waren die Menschen im Ruhrgebiet an der Gestaltung ihrer Region beteiligt. Den zweiten Part hatte Nordrhein-Westfalens Landesregierung übernommen, indem sie Karl Ganser als führenden Kopf der IBA-Planungsgruppe berufen und – zusammen mit der EU – Geld für das Projekt bereit gestellt hat.

Das Rhein-Main-Gebiet könnte die Aufgabe einer „Regionale“ anpacken, doch „dazu bedarf es einer Person, die sich das zu eigen macht, wie es Karl Ganser getan hat“, sagt Thomas Sieverts. Es bedarf aber auch einer Regierung, „die sich das zum landespolitischen Ziel macht, Geld reinsteckt und darüber die Leute motiviert“, sagt Ganser nach zehn Jahren Erfahrung mit der IBA Emscher Park.