Wolfgang Christ:
„Sinn und Sinnlichkeit schaffen“

Erschienen im Reader „Die Zukunft der Regionen – die Metropolitana FrankfurtRheinMain“ der Frankfurter Rundschau im August 2001

Von Wolfgang Christ

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sehen wir uns ähnlich tiefgreifenden Veränderungen gegenüber, wie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Was damals die ‚Herrschaft der Mechanisierung‘ mit dem Eisenbahnnetz, dem Automobil, der Telegrafie und dem Telefon, dem Film und dem Flugzeug an Herausforderungen für Ökonomie, Politik, Gesellschaft und Kultur und nicht zuletzt für die Organisation und Gestaltung der Stadt bereit hielt, dürfte heute die ‚digitale Revolution‘ bewirken. Das Fließband des 21. Jahrhunderts ist das Internet!

Wolfgang Christ, Architekt und Stadtplaner und Professor für Entwerfen und Städtebau an der Bauhaus-Universität Weimar.

So sind denn auch die Antworten der von Jürgen Schultheis nach der Zukunft der Region Rhein- Main befragten Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft getragen vom Bewusstsein des aktuellen Paradigmenwechsels von der Industrie- zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft. Aus den Interviews spricht die Erfahrung einer postmodernen Arbeits- und Lebenswelt, die es dem Einzelnen erlaubt, medial gleichzeitig an mehreren Orten präsent zu sein, die Arbeitszeit flexibel zu handhaben und den Wohnort dort zu wählen, wo ein kulturell reiches Leben zu erwarten ist.

Die Industrieepoche war noch geprägt von der Sehnsucht nach Luft, Licht und Sonne, und Städte sollten funktionieren wie Maschinen: effektiv und streng nach Funktionen gegliedert. ‚Facts and Figures‘ spielten die Hauptrollen im Prozeß der Stadtentwicklung. Diese Epoche neigt sich ihrem Ende zu. Neue Herausforderungen warten.

Wir können heute am eigenen Leib erfahren, dass die traditionellen Bezugssysteme von Siedlung und Landschaft, innen und außen, Wohnen und Arbeiten, Realität und Virtualität, Stadt und Region dabei sind, sich aufzulösen. Einst scharfe Grenzen werden durchlässig. Sphären gehen ineinander über. Kommunikation und Mobilität unterliegen sowohl in der digitalen als auch in der ‚analogen‘ Welt einem Prozess zunehmender Beschleunigung, so dass sich die Räume des Alltags immer weiter ausdehnen: die 2002 in Betrieb gehende ICE-Strecke Frankfurt-Köln wird die Stadt Limburg enger an Frankfurt binden als so manche Umland-gemeinde mit Blick auf die Skyline von Mainhattan.

In der vorliegenden Artikelserie der „Frankfurter Rundschau” wird auf vielfältigste Weise der Anspruch an eine Region formuliert, die den Wirkkräften des 21. Jahrhunderts als Plattform für eine optimale Entfaltung dienen soll. Gleichwohl setzt dies voraus, dass die neue Raum-Zeit-Kultur sich in lebenswerten Orten, Städten und Landschaften und in der Region als Ganzes spiegelt. Deutlich wird, dass im Zeitalter von Internet, Globalisierung, Individualisierung und Hochgeschwindigkeitsmobilität der sinnlich erfahrbare Raum – entgegen simplen Szenarien seines Verschwindens im Cyberspace – mit Macht an Bedeutung zurückgewinnt, was im Laufe der Industrialisierung in der Folge eines banalisierten Funktionalismus und einer vom Ornamentverbot belegten Architektur all zu oft abhanden gekommen war.

Insofern kommt den Interviews eine außerordentliche, vielleicht epochemachende Bedeutung zu. Es scheint so, als würden erstmals in der jüngeren Geschichte des Rhein-Main-Gebietes Re-  Professor Wolfgang Christ lehrt Architektur, Stadt- und Regionalplanung an der Bauhaus-Universität in Weimar  präsentanten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowohl in der Diagnose der Probleme als auch in der Formulierung der Ziele weitgehend übereinstimmen: Gefordert wird ein Maßstabssprung von der Quantität zur Qualität in der Entwicklung der Rhein-Main- Region. Gefragt sind Charme, Gemeinschaftsgefühl, spektakuläre Kultur und eine Region, die eine Gestalt besitzt. Die Region soll als Medium traditionelle Städte- und Landschaftsvielfalt ebenso integrieren wie eine multikulturelle Bevölkerungsvielfalt von Menschen aus mehr als 120 Nationen.

Die Aufgaben:

  • „Wie schaffen wir es, die virtuelle community in eine analoge Welt zu integrieren?“ (Wolfgang Henseler, Pixel-Factory, Offenbach).
  • Kann die Region geben, „was die Teile eines Lebens zusammenfaßt, weiterentwickelt, mit einer Idee befrachtet?“ (Rolf E. Breuer, Deutsche Bank).
  • „Wir brauchen ein Symbol, um ein Bewusstsein zu erzeugen, dass wir in dieser Region leben und dass es eine Gemeinsamkeit gibt.“ (Wilhelm Bender, Flughafen Frankfurt).

Die Initiative der „Frankfurter Rundschau” kommt zur rechten Zeit. Sie reiht sich ein in eine Geschichte – bislang gescheiterter – Ideen und Konzepte für eine regionale Dimension in Politik, Verwaltung, Planung und Gestaltung. Sie könnte gleichwohl einen Ausweg aus dem Dilemma der Regionalplanung aufzeigen:

In der Vergangenheit ging es um restriktive und quantitative Werte, um den Schutz vor Modernisierung, etwa durch Ausweisung von Grünzügen, um verwaltungstechnische Optimierung im Wasser- und Abfallsektor, oder um ein kommunalpolitisch austariertes Flächen- und Nutzungsmanagement. Eines stand nicht auf der Agenda: ein urbanistisches Leitbild. Um mit London, Paris, Barcelona oder der niederländischen Randstad konkurrieren zu können, braucht die Rhein-Main-Region ein Bild, das nichtkommerzielle, kulturelle, emotionale Werte vermittelt. Der amerikanische Architekt und Stadtplaner Kevin Lynch nannte diese Aufgabe „Managing the Sense of a Region“. ‚Sense‘ bedeutet dabei sowohl ‚Sinnlichkeit‘ als auch ‚Sinn‘ als Ausdruck von vernünftigem Handeln.

Es wäre viel erreicht, wenn die Dualität des Begriffes zur Maxime zukünftigen Denkens und Agierens in der Region werden könnte.