Max Weber, Cem Özdemir, Bündnis 90/Die Grünen, Baden-Württemberg, Verantwortungsethik, Gesinnungsethik, Wahl 2026, Jürgen Schultheis, Verkehrskontor FrankfurtRheinMain

Bündnis 90/Die Grünen – zwischen
Gesinnungs- und Verantwortungsethik

Bündnis 90/Die Grünen haben seit Gründung im Jahr 1980 immer darum gerungen, wer in der Partei den Kurs vorgibt oder wer den größeren Einfluss auf den Kurs der Partei hat  – „Fundis“ oder „Realos“. In einer Zeit des allgemeinen Roll-backs, der zunehmenden Wissenschaftsabgewandheit bis -ferne demokratischer Kräfte wie CDU/CSU, SPD und FDP und angesichts eines Klimawandles, dessen Dynamik zu Lasten der Menschen von Jahr zu Jahr wächst, stehen Bündnis 90/Die Grünen heute mehr denn je vor der Frage, wie Mehrheiten im Wahlvolk gewonnen werden können. Es geht um die Frage, wie ich es mit Gesinnungs- und Verantwortungsethik halte.

Vermutlich gibt es in der Geschichte bundesdeutscher Wahlkämpfe kein Beispiel für die Aufholjagd des Grünen Cem Özdemir in Baden-Württemberg im März 2026. Von 13,6 Prozent, das Ergebnis von Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen im Deutschen Bundestag bei der jüngsten Bundestagswahl vor etwas mehr als einem Jahr, auf nun gut 30 Prozent aufzuholen, ist bemerkenswert und wohl nur von wenigen erwartet worden.

Das Gegensatzpaar „Realos vs Fundis“
verschleiert die Herausforderung

Abgesehen von den landestypischen Spezifika dieses Wahlkampfes, zeigt die Kritik der Grüne Jugend Bundesverband noch am Abend der Wahl, worauf die Debatte in der Bundespartei hinauslaufen könnte. Man kann dafür Begriffspaare wie „Realos vs Fundis“, „Linke vs Mitte“ oder „Ideologen vs Pragmatiker“ nutzen, die alle ein Gran Wahrheit enthalten mögen, im Grunde aber untauglich und irreführend sind, wenn damit die Herausforderung beschrieben werden soll, vor der die Partei steht.

Womöglich hilft in dieser Situation ein bekannter deutscher Soziologe weiter: „Wir müssen uns klarmachen, dass alles ethisch orientierte Handeln unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbar gegensätzlichen Maximen stehen kann: es kann ,gesinnungsethisch´ oder ,verantwortungsethisch´ orientiert sein“, schreibt Max Weber in „Politik als Beruf“.

„Nicht dass Gesinnungsethik mit Verantwortungslosigkeit und Verantwortungsethik mit Gesinnungslosigkeit identisch wäre. Davon ist natürlich keine Rede. Aber es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: ,Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim´ – oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.“

Der Gesinnungsethiker bzw -ethikerin wird vermutlich immer der reinen Lehre treu bleiben, auch wenn die Welt Schaden nehmen mag, während der Verantwortungsethiker bzw -ethikerin dazu tendiert, Kompromisse zu machen, die reine Lehre hinantstellt und versucht, die Welt ein wenig besser zu machen.

Özdemir ist erfolgreicher Verantwortungsethiker

Cem Özdemir präsentiert sich aus meiner Perspektive als Verantwortungsethiker, die Grüne Jugend wohl mehr gesinnungsethisch orientiert. Sie hat, wie der umstrittene Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer sagt, einen „gesinnungsethischen Überschuss“. Wie Wahlen gewonnen werden, hat der Verantwortungsethiker gezeigt.

Dabei geht es um mehr als um die Partei oder den erfolgreichen Wahlkämpfer Özdemir: Die ehemaligen Volksparteien und die in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte FDP sind weniger denn je in der Lage, ökonomisch wie ökoligisch im Sinne künftiger Generationen Politik zu machen. Die um sich greifende Wissenschaftsskepsis bis -feindlichkeit in den genannten Parteien und das Unwissen haben ein neues Ausmaß erreicht: Der aktuelle Landwirtschaftsminister bestreitet einen Zusammenhang von „Fleischproduktion“ und CO2-Ausstoß, die aktuelle Forschungsministerin hat noch vor ein paar Jahren den menschengemachten Klimawandel bezweifelt.

Merz will Deutschland aus der Verantwortung nehmen

Bundeskanzler Friedrich Merz Deutschland aus der Verantwortung nehmen will, wenn er sagt, dass es überhaupt nichts nütze, „wenn wir allein in Deutschland klimaneutral werden. Selbst wenn wir es heute am Tag wären, würde sich morgen auf der Welt nichts ändern “ – und dabei unterschlägt, dass dieses Land beim kumulativen CO2-Ausstoß seit Beginn der Industriellen Revolution weltweit auf Rang 4 oder 5 liegt – bei 82 Mio. Einwohnern!

Es braucht eine Mehrheit gegen eine Politik, die heute mehr Einzel- und Industrieinteressen dient und weniger die Zukunft der Ungeborenen auf einem lebenswerten Planeten im Blick hat. Es geht um nicht weniger als um eine existenzielle Herausforderung, die wir meistern müssen. Die Gesinnungsethik gibt uns dabei keine Orientierung.

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